ein Cello in Kongo

Ein Reizbildaufsatz als Modell

ein schönes Beispiel dafür, wie ausgehend von einer bereits sehr stark „erzählenden“ Fotografie Recherche und Erzähltalent zusammenkommen.

 

von Tatiana 2d, 2020

 

 

Sie lebt in einer Welt, die sie nicht annimmt

 

Hunde bellten. Kinder kreischten herum. Der harte Untergrund, auf dem Josephine Mpongo schlief, liess sie unsanft aufwachen. Müde drehte sie sich zur Uhr um. In grellem Rot leuchtete ihr die Zahl fünf entgegen. Nur mühsam richtete sich die 37-Jährige auf. Ihre nackten Füsse schleppte sie über den staubigen Fussboden. Sie wohnte momentan bei ihrer jüngeren Schwester Sohana. Josephines Mann hatte sie verstossen, da sie ihm keine Kinder schenken konnte. Ihre ganze Familie nahm sie als Versagerin und Schande wahr. Doch es machte ihr mittlerweile nichts mehr aus. Die Frau aus Kinshasa, der Hauptstadt von Kongo, sehnte sich nur nach Ruhe und Zuflucht. Auf dem weg aus dem instabilen Blechhaus grüsste sie noch ihre kleinen Nichten und Neffen, welche gerade am Frühstücken waren. Sie ignorierte ihren knurrenden Magen. Das Essen im Haushalt Mpongo war knapp.

 

Viele Menschen waren auf der Strasse unterwegs. Tausende Gerüche von Abfall und Schweiss umhüllten Josephines Nase. Mittlerweile war sie jedoch daran gewöhnt und verfolgte zielstrebig ihren Weg zum Fischmarkt. Dort arbeitete sie seit einiger Zeit, da sie ihren Traum als Musikerin auf Grund ihrer Lebenssituation hatte aufgeben müssen. Auch heute begann ihr Arbeitstag wie jeder andere. Unfreundlich motzte ihr Chef sie an. Der opulente Glatzkopf war einer von vielen, der ihr im Leben keinen Respekt erweist. Sei es auf Grund ihres Geschlechtes, ihrer Art oder einfach, weil sie als Sündenbock herhalten musste. Josephine zog sich die alten Gummihandschuhe über und begann ihre monotone Arbeit. Während sie etliche Fische zerlegte und Schuppen abbürstete, wurde eines ihres einzigen Gewands dreckig. Eingeweide und Blut liegt ihr zu Füssen. Die einzige Ablenkung von dem waren die Melodien in ihrem Kopf. Nach jeder sexistischen Bemerkung eines Standbesuchers liess die Kongolesin in Gedanken Musik in sich erblühen. Nach etlichen Stunden erlösten Josephines Schwestern sie von ihrem Leid. Jedoch war sie sich nicht sicher, welche Gesellschaft sie bevorzugte: Die Anwesenheit von ruppigen Männern in einer dreckigen Umgebung, wo man nur krank werden kann oder diejenige ihrer Schwestern, die sie mit missachtenden Blicken nur so durchlöcherten.

 

Zu Fuss gingen die Frauen den Strassen entlang, welche zum gigantischen Fluss Kongo führten. Jede von ihnen trug einen Wasserkanister und einen geflochtenen Wäschekorb mit sich. Es war gefährlich bei einer so hohen Kriminalitätsrate unterwegs zu sein, doch nicht im Entferntesten konnte sich die Grossfamilie einen typischen Toyota leisten. Diese beliebten Fahrzeuge, mehr zerfallen als an einem Stück, kurvten überall herum. Sie hinterliessen eine Abgasspur und nicht selten kamen Tiere durch den rücksichtslosen Fahrstyle um. Josephines Arme und Beine zitterten vor Anstrengung. Es war ein harter Tag. Durch die mangelhafte Ernährung war sie oft schon schwach. Erleichtert liess sie ihre Traglast in den Sand des Flussufers gleiten. Den Moment der stille genoss sie, indem sie ihren Körper entspannen liess. Endlich sank die Sonne und die Hitze wurde erträglicher. Der Schweiss hörte auf, konstant aus ihren Poren zu quellen. Die dunkelhäutige Frau schlüpfte mit ihren geschwollenen Füssen aus ihren Schlappen und tapste zum Wasser. Bedacht darauf, nicht auf den unzähligen Abfall zu treten, genoss sie die letzten Sekunden, bis sie die Realität wieder einholte. Hinter ihr vernahm sie aufgeregtes Schnattern und schon bald schnauzte ihre älteste Schwester sie an. Sie solle gefälligst Wasser holen und Wäsche waschen. Immer aufs Neue gab ihr die Verwandtschaft zu verstehen, dass sie die Aussenseiterin war. Josephine erwischte ihre Schwestern oftmals dabei, wie sie über all ihre Handlungen urteilten. Früher hatte es sie zerstört. Von innen aufgefressen. Heute hinterliess es ein stechendes Gefühl im Brustbein, doch sie hatte ihre Kompensation zum familiären Liebesentzug gefunden. Das Spielen ihres Cellos, welches sie vor etlichen Jahren auf einer Abfalldeponie gefunden hat. Die Kongolesin sehnte sich nach ihrem Ausgleich. Das Spielen erfüllte sie mit einer Wärme, die ihr keiner nehmen konnte. Es liess sie den Alltag überstehen.

 

Zurück in ihrer vorübergehenden Bleibe half sie Sohona bei der Zubereitung von Reis und Kochbananen. Deren Mann sass passiv auf dem einzigen Stuhl und las rauchend eine veraltete Zeitung. Das Essen nahmen sie auf dem Boden sitzend ein. Die Kinder rannten aufgedreht umher. Josephine nahm alles wie in einer Blase war: Geräuschfetzen zogen an ihr vorbei. Lichter verschwammen und ganz automatisch erhob sich ihr Körper. Sie legte ihren Teller in einen Plastikkübel, der als Waschbecken fungierte und holte ihr geliebtes Cello hinter der angrenzenden Bambus-Schlafmatte hervor. Josephines Füsse trugen sie nach aussen. Ein paar Blocks entfernt liess sie sich auf ihren Stammplatz, einen neongrünen Plastikstuhl mitten auf der Strasse, nieder.

 

Sanft wie der Wind setzte sie den Bogen an und fing an, ihn über die Saiten gleiten zu lassen. Die tiefen Töne flossen nur so aus dem Cello heraus und liessen die Musikerin alles vergessen. Ihre Schmerzen, körperlich und psychisch, fielen von ihr ab, als wäre es nichts. Die vertraute Wärme erfüllte Josephines Körper. Sie wog sich mit der Melodie hin und her durch die dunkle Nacht. Nichts und niemand konnte ihr diesen Moment nehmen. Die Frau strahlte von innen eine Ruhe aus, welche ihr im regulären Alltag nicht erstattet wurde. Sie war endlich sie selbst. Frei und rein in ihrem Gedankenpalast, der leider nicht ewig währen konnte. Doch jede Nacht wiederholte Josephine Mpongo dieses heilige Ritual. Als Schöpfung der Energie für den folgenden Tag. Sie lebte in einer Welt, die für Individuen wie sie keinen Platz hatten. Sie fand ihren Weg zur Idylle, in der sie mit sich im Einklang war.



Drei Augenblicke in Einheit

Die Bildserien mit jeweils drei Spots sind im Schuljahr 2015 im BG-Unterricht der 4. Klasse im Grundlagenfach entstanden. Drei unterschiedliche Bilder, drei unterschiedliche Augenblicke – trotzdem eine Einheit.

Klimaschutzpolitik – eine Sache für Profis?

Im Ökowochenkurs „Klimapolitik – eine Sache für Profis“ hat sich eine Gruppe von 18 Schülerinnen und Schülern eine Woche lang intensiv mit Klimaschutz  und Klimaschutzpolitik in Basel auseinandergesetzt.

Am Anfang der Woche haben wir uns mit parlamentarischen Vorstössen im Grossen Rat Basel mit Bezug zum Klimaschutz, mit den Klimaschutzzielen von Basel Stadt und der Klimapolitik anderer Städte beschäftigt. Silia Lüscher fand zwischen den Maturprüfungen Zeit von ihrem Engagement bei Klimastreik zu erzählen. Kontovers wurde diskutiert, wo Klimaschutz mit anderen Zielen im Konflikt steht. Sehr umstritten war unter den Schüler*innen der Gruppe, ob es gut ist, dass Flüge für Maturareisen am Gymnasium Kirschgarten nicht mehr erlaubt sind.

Dienstagabend fand eine Podiumsdiskussion mit vier Mitgliedern des grossen Rates statt – der Höhepunkt unserer Projektwoche. Es diskutierten aktuelle und ehemalige Mitglieder der Umwelt und Verkehrskommission, zur Hälfte ehemaligen Schülern und Vertretern unterschiedlicher Parteien:

Beat Braun (LDP), Raphael Fuhrer (GB), Lisa Mathys (SP) und Heiner Vischer (LDP)

Der Fokus lag auf Fragen von Schülerinnen und Schülern.

Mittwoch hatten wir Besuch von Matthias Nabholz, dem Leiter des Amtes für Umwelt und Energie (AUE) und es wurde noch einmal intensiv über Klimaschutzmassnahmen im Kanton diskutiert. Am Nachmittag besuchten wir die Kehrichtverbrennungsanlage Basel Stadt und diskutierten mit Timo Weber vom AUE über die Zukunft der Abfallwirtschaft.

Donnerstag analysierten die Schülerinnen und Schüler Ihren eigenen Fussabdruck und wie sich diese in der Gruppe unterscheiden.

Parallel zu den täglichen Schwerpunkten beschäftigten wir uns in Teams mit sehr unterschiedlichen Aspekten von Klimaschutz – von Endzeit-Stimmungen in der Geschichte, über Klimaschutz und Ernährung über das Fliegen und negativen Emissionen. Als Ergebnis entstanden die folgenden Präsentationen/Handouts:

FliegenundKlima_Alejandro, Darlene

Lenkungsabgabe für CO2-Emissionen vs Emissionsrechthandel_Joshua, Yorik und Joni

Negativ Emissionen Handout_Claire, Léonie

verkehr_klimaschutzpolitik_Jonah, Clay

Wasserstoff_Julian, Moritz, Benjamin

Weltuntergangsangst_Camille, Pietro

Wir danken allen Referenten herzlich für Ihre Mitwirkung!

Kursleitung: Mads Macholm, Samuel Straßburg

18. Juni Podiumsdiskussion mit Grossräten Klimaschutzpolitik in Basel - Kopie

 

 

Von Zuchnow nach New York – Auswandern oder zu den Kosaken gehen? Oh Deborah… Die 6D und Joseph Roths Hiob, „Roman eines einfachen Mannes“

Im Zusammenhang mit der Lektüre von Hiob , einem Roman des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth, wurden ausgehend von bestimmten Textstellen des Romans Texterweiterungen verfasst. Anders als im spontaneren Creative writing ist ein solches Vorhaben nur möglich, wenn die Lektüre bereits verinnerlicht und intensiv besprochen worden ist oder wenn man zumindest seit einiger Zeit daran ist, dies zu tun.

Die Vielfalt der Textwelten, welche auf diese Weise ein knappes Jahrhundert später den Romantext würdigen, soll nun ihrerseits hier gewürdigt werden. Eine Auswahl fiel schwer.

Sie soll die Bandbreite der Entscheidungen aufzeigen, die bei der Wahl der Texte getroffen wurden, ohne dass dabei das Handlungsfeld des Romans zu sehr aus dem Blick geriet. Lassen Sie keinen der folgenden fünf Texte aus. Es lohnt sich.

1. Im Spiegel

(Yasemin Genc)

Sachte öffnete ich an diesem Sommermorgen die Augen. Ein wirrer Traum war der Begleiter durch die ganze Nacht gewesen und nur schwach erinnerte ich mich an Menuchims verheultes Gesicht, das als letzte Erinnerung an den Traum erhalten blieb. Seit Tagen dachte ich nur an Menuchim, folglich gewährten meine Sorgen mir auch keine nächtliche Ruhe.

Das Bettlaken von mir entfernend schlüpfte ich aus dem Bett und stand auf. Auf der anderen Bettseite schlief Mendel ruhig und mit leicht geöffnetem Munde. Die Morgendämmerung war neu angebrochen, die Vögel waren gerade aufgewacht und der Tag war wiedergeboren. Doch in mir drückte die Leere. Ohne einen triftigen Grund trat ich zum Tisch und setzte mich direkt vor den ovalen Spiegel. Das Erste, was ich darin erblickte, war nicht mein eigenes Abbild, sondern Mendel, der im Hintergrund weiterhin im Bett schlummerte. Sein Schlaf wurde noch nicht unterbrochen. Doch kurz danach erfasste ich mich selber im Spiegel.

Seit welchem Tage hatte ich mich so verändert? Mein Blick verharrte auf meinen Haaren. Meine Haare? Vorsichtig fuhr ich mit den Fingern über die zahlreichen weissen Strähnen, die sich über Nacht gebildet hatten. Gewiss, es waren meine Haare, an meinem Schädel. Doch all der Glanz, die Stärke und die Anmut waren aus ihnen entwichen. Dünn waren sie geworden, um schlapp an den Seiten meines Hauptes hängen zu können. Es war als hätten die einzelnen Härchen ihre Lebenskraft verloren, nur um zu verwelken und zu verrotten. Passierte dies, weil ich in jeder freien Stunde an meine Kinder dachte?

Doch nicht nur meine Haare litten. Ich spürte eine unfassbare Schwere in meinem Herzen, als ich im Spiegel meine ersten Falten und Hautflecken sah.  Was war es, das sich einen Spass erlaubte meiner Haut jegliche Kraft und Anmut zu stehlen? Schwer sahen meine Arme und Beine aus, schlaff meine Brüste und mollig mein Bauch. Ich zögerte, bevor ich erneut einen Blick in den Spiegel warf. Diesmal genauer, suchender. Als ob ich mich in meiner Wahrnehmung aus Schläfrigkeit getäuscht hatte.

Und da sah ich sie – Deborah, Deborah, die schöne Deborah. Im Spiegel vor mir erschien das Bild der zwanzigjährigen Deborah. Eine kräftige, nachtschwarze Haarpracht schmückte ihr Gesicht mit den weichen und jugendlichen Zügen. Die glatte Haut schien vom Sonnenlicht angezogen zu werden, womit sie im Spiegel heller als zuvor strahlte. Der Körper des Mädchens war straff und gut gebaut. Reizvoll und voller Lebensenergie schenkte die junge Dame ihr bestes Lächeln, mit dem sie schon viele Herzen gewärmt hatte. Ach Deborah, Deborah. Junge, wunderschöne Deborah. Nie werde ich wieder so aussehen. Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Auch wenn die Erde nach einer Nacht stets in den hellen Tag wechseln kann, werde ich nie den Glanz der Jugend  wieder erfahren können.

Allmählich verschwand das Bild der jungen Deborah und ich sah meine jetzige Erscheinung. Ein Körper, dessen Schönheit und Ausstrahlung ausgesaugt wurde. Gealtert und unbrauchbar. Die Schwere in mir wurde mit jedem weiteren Gedanken unerträglicher. Als ich dann schliesslich aufschrie, um mich von den quälenden Gedanken zu lösen, begann ich abrupt mir die weissen Strähnen eine nach der anderen auszureissen. Ich spürte Schmerz. Schmerz auf meiner Kopfhaut, aber auch in meinem Herzen. Erstaunlicherweise half der Schmerz mich wieder zu beruhigen, da er die ungewisse Schwere ersezu ersetzen wusste. Ich schüttelte den Kopf, um zu mir zu kommen. Dann kehrte ich wieder in mein Bett zurück, ohne den Spiegel eines weiteren Blickes zu würdigen. Mendels tiefer Schlaf war zu beneiden: Er schien nichts von dem Aufschrei mitbekommen zu haben. Ich schaute lange auf den weissen Bettbezug und seufzte. Oh, schöne Deborah.

 

2. Schilo

(Lona Nabholz)

Es war ein kühler, sonniger Märztag. Die Luft schien klar und leicht. Ein sanfter, aber stetiger Wind umwehte liebkosend seine von der Kälte geröteten Wangen. Das Dorf lag ruhig, unter einer blendenden Schneedecke begraben, an einem Hügel. Hier und da waren die hellen Stimmen der Kinder zu hören. Sie lachten und kreischten, vermutlich in wilde, fröhliche Spiele vertieft, während die Eltern in den von Holzöfen gewärmten Häusern mit rauchenden Kaminen ihre Sonntagsgebete sprachen. Vom Fuss des Hügels, an dem der Bahnhof lag, erklang das Pfeifen eines Zuges, das weit über die Schneefläche getragen wurde und in der Luft zitternd nachhallte. Er beschleunigte seine Schritte. Unter seinen schweren Stiefeln knarzte und ächzte der Schnee wie ein alter Mann, der mühsam und mit schmerzenden Gliedern einen Hügel hinaufsteigt. Als er den Bahnhof erreichte, schien der dampfende und schnaufende Zug nur darauf zu warten, dass er endlich einstieg, um das schläfrige Dorf mit dem kleinen Kirchturm, dessen Glocken nun einladend läutend hin und her schwangen, hinter sich zu lassen und fliegend über die weite, weisse Landschaft davonzueilen. Schwitzend und ausser Atem stieg er in den hintersten Wagon ein. Sein massiver Körper füllte fast die ganze Tür aus und im Wagon zog er den Kopf leicht ein, aus Angst, er könne sich ihn an der Decke stossen. Sein Körper war der Grund, weshalb er bisher gut durchs Leben gekommen war. Als einziger Sohn eines Bauern hatte er schon von früh auf harte Arbeit verrichten müssen. Als sein Vater krank wurde und immer weiter in seiner Alkoholsucht versank, war dieser Körper das Einzige, was ihn und seine Eltern sowie den Hof am Leben erhielt. Doch eben dieser Körper war ihm nun zum Verhängnis geworden. Er war nicht besonders schlau oder feinfühlig, doch seine körperliche Stärke und gewaltige Statur beeindruckten, wodurch man ihn nach einer kurzen Untersuchung sofort als Soldat genommen hatte. Viele der jungen Männer, die an diesem Tag ebenfalls getestet worden waren, prahlten herum und waren stolz auf ihre Tauglichkeit, doch ihn betrübte der Gedanke an den Einsatz, den Krieg oder die Front. Er wollte auf dem Hof bleiben, sich um seinen kranken Vater und seine gebrechliche Mutter kümmern, denn er wusste, dass die beiden, wenn auf sich allein gestellt, kaum die Möglichkeit auf ein normales Leben haben würden. Der Hof würde verkümmern und mit ihm seine Eltern.

Er setzte sich auf eine der Holzbänke an einen Fensterplatz. Die Luft war stickig, roch nach Schweiss und Tabak. Im Wagon verteilt sassen Männer, die meisten Bauern. Sie waren laut, rauchten und tranken. Obwohl er wusste, dass er nun nach Hause auf den Hof gehen konnte, war seine Stimmung trüb und der laute Gesang der Bauern dröhnte in seinen Ohren. Aus seiner Jacke holte er nun die Flasche, die er schon den ganzen Tag an seiner Brust getragen hatte. Sein Vater hatte sie ihm vor seiner Abreise mit einem müden Lächeln in die Hand gedrückt. Sie war nun warm und schlüpfrig von seinem Schweiss. Er putzte sie an seinem Jackenärmel ab, schraubte sie auf und nahm in kraftvollen Zügen mehrere Schlucke von dem bitteren Gebräu. Danach steckte er sie zurück in seine Jacke und lehnte seinen Kopf ans Fenster. Draussen sah er die letzten Mitreisenden herbeieilen und einsteigen. Seine Aufmerksamkeit fiel auf zwei dunkle Gestalten, die mit hastigen Schritten auf den Zug zugingen. Es waren zwei Juden, gute Freunde oder Brüder, wie es ihm schien, die nun mit von der Kälte geröteten Wangen den Wagon betraten und sich auf eine der Holzbänke setzten. Das Pfeifen des Zuges übertönte kurz die Gespräche und den Gesang der Bauern, der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Er sah wieder aus dem Fenster, die Landschaft glitt langsam vorbei. Weite Schneefelder, dunkle Tannenwäldchen, karge Bäume, vereinzelte Höfe, dann wieder diese weiten Schneefelder. Der Alkohol breitete sich langsam und wärmend in seinem grossen Körper aus. Mit steigender Laune begann er nun, die Gespräche der Bauern zu verfolgen, nahm an ihnen teil und sang laut aus voller Brust im Chor der Bauern mit. Mitten in diesem Gerede und Gesinge fiel sein Blick auf die beiden Juden, die still dasassen, sich ab und zu leise unterhielten und immer wieder wie Kinder mit aufmerksamen, glänzenden Augen aus dem Fenster blickten. Neugierde packte ihn. Er hatte in seinem Leben nicht viele Juden gesehen, bloss vereinzelt auf den Wochenendmärkten, geschweige denn mit einem gesprochen. Das Leben auf dem Hof war schön, jedoch sah er nicht viel von der Welt. Doch nun sass er in diesem Zug mit so guter Laune, wie schon seit Jahren nicht mehr. Er wollte schlichtweg alles ausprobieren, jeden ansprechen, so viel erfahren wie er nur konnte. Sein Herz schlug ihm wie wild in der breiten Brust als sich Worte in seiner Kehle formten, bereit aus ihm herauszusprudeln. Durch den ganzen Wagon rief er ihnen zu «He, warum seid ihr so betrübt?», und versuchte sie freundlich anzugrinsen. Sie ignorierten ihn. Oder sie hatten ihn nicht gehört. Er wusste es nicht. Also erhob er sich, um über die roten, verschwitzten Köpfe der singenden Bauern hinwegzurufen. Erneut liess er ein lautes «He!» erklingen, woraufhin die beiden Juden sich schnell und nervös erhoben. Er freute sich. Sie hatten ihn bemerkt. Mit grossen Schritten ging er durch den Wagon auf sie zu. Als er schliesslich vor ihnen stand, wusste er nicht so recht, wie er nun fortfahren sollte. Er spürte die Flasche an seiner Brust und entschied sich, den beiden von dem Gebräu anzubieten. Der kleinere der beiden Juden, welcher ihn an einen Fuchs erinnerte, lehnte mit knappen Worten ab und wich seinem Blick aus. Der andere nahm das Angebot, zu seiner Überraschung, an und sah ihm mit einem verlegenen aber auch neugierigen Blick ins Gesicht. Er fischte also die Flasche aus seiner Jacke und drückte sie dem Juden mit freundlicher Grobheit in die Hand. Der andere beobachtete die Szene mit verdutztem Blick und nervös hochgezogenen Schultern. In schnellen Schlucken begann der Jude nun zu trinken. Er trank und trank, bis die Flasche leer war und sank gleich darauf vom Alkohol betäubt in sich zusammen. Belustigt und überrascht hielt er die Hand hin, um seine Flasche entgegenzunehmen. Der Jude lag seinem Begleiter wie einer Geliebten im Schoss und bewegte sich nicht. Mit prüfendem Blick beobachtete er den Brustkorb des Juden und sah schliesslich, dass dieser sich leicht hob und senkte. Er berührte den Juden mit seinem Stiefel an der Schulter, wie um noch einmal sicherzugehen, dass dieser noch lebte und kehrte schliesslich mit einem Schmunzeln auf den trockenen Lippen zu seiner Holzbank zurück.

Den Rest der Fahrt verbrachte er mit Gesprächen und langen Blicken auf die vorbeiziehende Landschaft. Da seine Flasche leer war, verliess die Wirkung des Alkohols langsam seinen Körper und liess ihn mit einem dumpfen Gefühl im Magen und schwerem Kopf zurück. Als der Zug Podworsk erreichte, erhob er sich, schwankte kurz und ging mit schweren Schritten in Richtung Tür. Er sah, wie der Jude verzweifelt versuchte seinen vom Alkohol schlappen Begleiter aufzurichten. Als er ihre Holzbank erreichte, griff er dem Schlafenden unter die Achseln und stellte ihn mit Hilfe der anderen Reisenden auf die Füsse, dann verliess er den Zug.

Es war Abend, die Luft hatte sich stark abgekühlt. Er nahm einige tiefe, gierige Atemzüge, um Klarheit in seinen vernebelten Kopf zu bringen. Der Schnee auf dem langen Landweg knarzte und ächzte unter seinen schweren Stiefeln, der kühle Wind fuhr durch seine Kleidung und Haare, eilte mit ihm über die weiten, weissen Felder. In der Ferne sah er zwei dunkle Gestalten, die mit schnellen Schritten durch die blendende Schneelandschaft zogen, immer kleiner wurden und schliesslich mit dem Dunkel eines Tannenwaldes verschmolzen.

 

3. Ankunftsgeschichten

(Gabriel Gut)

Endlich. Da stand ich also. Ich konnte es gar nicht abwarten, der Familie meines Freundes Sam den Brief zu überreichen. Ich war so nervös wegen des ersten Aufeinandertreffens und der Sprachbarriere, dass ich, als ich in das Haus eintreten wollte, vor lauter Aufregung wie angewurzelt im Türrahmen stehen blieb. Oder vielleicht blieb ich auch einfach dort stehen, weil der Mann, der sich vor mich hinstellte, mich in Augenschein nahm. Aufgrund dessen, dass er mich einer gründlichen Betrachtung unterzog, wagte ich es nicht, einen Fuss in das Haus zu setzen.

Er musste wohl der Vater meines Freundes Sam sein. Der Singsang, den ich zuvor aus dem Haus vernommen hatte, als ich darauf zugelaufen war, verstummte.

Eine Frau, die auf einem Hocker gesessen hatte, musterte mich ebenfalls. Womöglich war es Sams Mutter.

Sams Vater sah genauso aus wie auf dem Foto, das ich zu Gesicht bekommen hatte: Sein Antlitz war blass und wurde von einem schwarzen Vollbart umrahmt, der bereits begann ins Graue überzugehen. Über den Mund liess sich nicht viel sagen, denn dieser war von einem Bart verdeckt, genau wie auf dem Foto. Seine Augen waren gross, schwarz und träge. Sie wirkten müde, da sie verhüllt waren von den schwer aussehenden Augenlidern. Mehr konnte ich nicht beobachten, denn mein Körper empfand plötzlich den Drang, sich mit einem hastigen „Hi“ mitzuteilen. Ich blieb noch immer, aus für mich unerfindlichen Gründen, im Rahmen der Tür stehen. Eigentlich hätte ich nun definitiv eintreten und den Brief der Familie überreichen sollen. Vielleicht verspürte ich ein Unbehagen, weil die Reaktion auf mein „Hi“ absehbar war und ich ging deshalb nicht hinein. Und tatsächlich: Unmittelbar, nachdem ich „Hi“ gesagt hatte, fingen die Kinder, aus deren Münder zuvor die einfache Melodie ertönt war, an zu lachen. Ich sah, wie Mendel ein Schmunzeln über das Gesicht huschte. Trotz meines anfänglichen Unwohlseins, welches mir nun bewusst war, begann ich jedoch die Anfangsseite des Briefes vorzulesen, den ich davor sorgfältig aus meiner Rocktasche gezogen hatte. Doch auch dieses Mal fingen die Kinder erneut an zu lachen. Warum sie lachten, wusste ich noch immer nicht genau. Doch mittlerweile war es mir auch egal.

Als ich nach Beendung des Vorlesens zur Verdeutlichung der Herkunft des Briefes noch das Wort Amerika in den Raum warf, da ich eigentlich annahm, dass durch das Vorlesen, trotz der Sprachbarriere, eine Euphorie ausbräche und nicht ein Gelächter, begann Mendel Singer über das ganze Gesicht zu strahlen. Ganz zögerlich löste sich der Name Schemarjah von seinen Lippen.

Mir schien, als wäre ihm nun klar geworden, von wem der Brief stammen musste. Endlich.

4. Der letzte Brief – Krieg

(Serge Stibler)

Sehr geehrte Frau Mendel, sehr geehrter Herr Mendel

 Es ist meine traurige Pflicht, Sie über das Ableben Ihres Sohnes Jonas Mendel in Kenntnis setzen zu müssen.

Jonas entglitt sanft und im Schlaf der lebenden Welt, ohne die Qualen eines langsamen, schmerzhaften Todes erdulden zu müssen. Er erlag unerwartet seinen Verletzungen. Ich kann mit Stolz behaupten, dass Ihr Sohn einen heldenhaften Tod für sein Vaterland starb. Er war ein Vorbild für seine Kameraden und zeichnete sich durch exzellente Reitkünste und stets freundliches Verhalten aus. Obwohl Jonas seinen Tod nicht an der Front fand, kann ich Ihnen versichern, dass Jonas seiner Schuld als Soldat tatkräftig nachkam. Er war tapfer und lernte den Feinden des Zaren das Fürchten. Ich als sein Vorgesetzter, bin stolz und fühle mich geehrt, einen solch vorbildlichen Soldaten in meiner Einheit gehabt zu haben.

Ich will Ihnen nochmals mein Bedauern und meine Betroffenheit über Ihren Verlust aussprechen.

Bei Ihrem Sohn fanden wir einen Brief, den er noch am Vorabend an Sie senden wollte und der sich schon verschlossen im Kuvert befand. Wir haben ihn diesem Schreiben ungeöffnet beigelegt und hoffen, dass Sie Trost in seinen letzten, an Sie gerichteten Worten finden.

Hochachtungsvoll, Leutnant Vladimir Pudovkin

Liebe Mutter, lieber Vater, liebe Schwester und lieber Bruder

Ich hoffe, Ihr seid wohlauf, auch hoffe ich, dass Schemarjah nicht Kriegsdienst für Amerika leisten musste.

Der Krieg hier war schrecklich. Es war kalt und ich verweilte lange in den Schützengräben. Dies war unerträglich für mich. Ich, der es liebt zu reiten und in vollem Galopp das Rauschen des Windes in den Ohren zu haben, fühlte mich dort wie eingesperrt. Ich hörte von anderen Soldaten Geschichten über das schöne Amerika. Sie erzählten von einem Land mit weiten Ebenen, die bis zum Horizont und noch weiter reichen sollen. Es muss schön sein in jenem so fernen Land. Ich hörte, dass es dort viele Pferde gibt. Stimmt das?

Das Soldatenleben, wie ich es in meinem letzten Brief beschrieb, war schon lange nicht mehr dasselbe. Die Befehle von oben wurden immer ungenauer und hektischer. Sie widersprachen einander immer öfter. Lange Zeit standen oder lagen wir einfach nur in den Gräben. Wenigstens war es bei uns die meiste Zeit so kalt, dass der zerbombte Boden nicht zu einem Schlammfeld wurde. Doch das hatte auch seine Nachteile. Jedes Loch, das wir in den Boden graben mussten, wurde dadurch zur Qual. Manchmal hatten wir Glück, und die tödlichen Granaten, die schier unaufhörlich um uns herum einschlugen, nahmen uns die Arbeit des mühsamen Grabens ab.

Immer mehr begann ich diesen Krieg zu hassen. Die Pferde, die sonst immer so ruhig im Stall warteten, waren permanent nervös und angespannt. Früher gaben sie mir Sicherheit vor einem Angriff. Doch in einem Graben, im kalten Boden, fühlen auch sie sich nicht wohl. Sie wieherten bei jedem Granateneinschlag. Oft gab es für die Tiere wenig Nahrung und sie litten unter vielen Krankheiten. Mich verfolgten die Schreie dieser Pferde, wie die Schreie der anderen Soldaten. Auch ich sehnte mich nach den weiten Ebenen, in denen wir das Reiten übten und ich meine Liebe zu Pferden entdeckte.

In einer eisig kalten Nacht wurden wir angegriffen. Ich hatte grosses Glück, wurde nur verwundet und in ein Lazarett gebracht.

Im Lazarett erst, lernte ich das wahre Gesicht des Krieges in all seiner Schrecklichkeit kennen. Ich selbst verstehe mich als Veteranen. Ich war ja schon vor dem Krieg im Militär und hatte Kämpfe erlebt, aber diese Art des Krieges war neu für mich. Im Lazarett wurde mir bewusst, welche Ausmasse dieser Krieg hatte. Auch wurde mir klar, wie schamlos wir benutzt und betrogen wurden. Unsere Befehlshaber waren oft jünger und unerfahrener als ich. Nur weil sie adelig waren, kamen sie im Militär zu unverdient hohem Rang. Doch im Lazarett liegen alle auf den gleichen Betten, schreien alle gleich und kommen in die gleichen Särge. Unruhen machten sich unter den Soldaten breit. Viele wollten eine Veränderung. Sie wollten zurück zu ihren Familien und sie wollten Arbeit. Wenige Überzeugte versuchten dem Rest der Soldaten weiszumachen, dass es eine Lösung für alle Probleme gibt, den Kommunismus. Einer dieser Verfechter war der Mann, der neben mir lag und die Folgen eines missglückten Gasangriffs auskurieren musste. Alle nannten ihn hier spöttisch den Genossen. Er erzählte mir von den Untaten, welche unser Zar begangen haben sollte. Er wollte mich von seiner Ideologie überzeugen. Doch ich als ehemals strenggläubiger Jude weiss genau, dass diese Ideologie niemals umsetzbar wäre. Die Menschen sind zu verschieden. Um völlig gleich zu sein, müssten zuerst die Vorurteile gegenüber anderen Menschen verschwunden sein.

Ich ging früher zum Militär, weil ich es schätzte, nicht immer selbst denken zu müssen und weil man sich darauf verlassen konnte, dass für die Soldaten gesorgt wurde. Das ist jetzt nicht mehr so einfach, alles beginnt sich zu verändern.

Ich habe lange nachgedacht und daher beschlossen, dass ich nicht mehr Teil dieses Krieges sein möchte. Ich spüre, dass grosse Veränderungen auf dieses Land zukommen werden. Ich möchte, sobald ich wieder gesund bin, weg von hier.

Mein Ziel ist es, den Dienst zu quittieren und nach Amerika zu reisen. Durch meine grausamen Erlebnisse in diesem Krieg und all das Leid, das ich im Lazarett gesehen habe, sehe ich das Leben heute anders. Ich sehne mich nach den Schönheiten des Lebens und ich bedaure es, Euch so lange nicht mehr gesehen zu haben. Ich will mein Glück auch in Amerika suchen, auch wenn ich mich vielleicht, um dorthin zu gelangen, illegaler Mittel bedienen muss.

Meine Hingabe zu der Arbeit mit Pferden, die mir in diesem Krieg Halt gegeben hat, sollte mir auch in Amerika helfen mein Brot zu verdienen. Sobald wie möglich werde ich mich auf die Suche nach Euch machen und ich kann es kaum erwarten, Euch alle  wieder in die Arme zu schliessen.

Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Euer Jonas

 

5. Hiob – Epilog – Psychiatrie

Der Vater lag im Schlaf mit leicht angehobenen Mundwinkeln. Seine Falten zogen sich entspannt durch das Gesicht. Er sah aus wie ein Kind, das sich nach vielem Herumtoben müde und mit Süssigkeiten vollgestopft ins Bett gekuschelt hatte. Inzwischen erreichte Menuchim die Anstalt, in der sich Mirjam aufhielt. Die grauen Türen führten zu grossen weissen Räumen, welche mit Dutzenden gleichartiger Möbel und Gegenstände bestückt waren. Da die Zimmer nicht mit Nummern gekennzeichnet waren, konnte man sich leicht verirren. Die Anstalt hatte mehrere Stockwerke. Jedes davon war identisch mit dem anderen, abgesehen vom Personal. Mirjam bewohnte ein seperates Zimmer. Sie war ein Sonderfall. Man achtete besonders darauf, dass sie mit keinen Leuten des männlichen Geschlechts in Verbindung kam. Es war immer mindestens eine Schwester an ihrer Seite und sorgte dafür, dass sie nicht aus dem Zimmer ausbüchste, um sich an die anderen Patienten zu schmiegen.

Zimmer 194. Kossak sah auf die kalte, graue Tür hinab. Dahinter befand sich seine lang ersehnte Schwester – Mirjam Singer. Er durchkramte seine Erinnerungen nach ihr. Immer wenn er versuchte sich zu erinnern, kam ein verschwommenes Bild auf, als ob er durch eine milchige Glaswand schauen würde. „Alexej Kossak?“, erklang es hinter ihm. Menuchims Blick wurde auf einen grossgewachsenen Mann im Arztkittel gezogen. „Ich muss Ihnen leider berichten, dass es keine Fortschritte gab, was Ihre Verwandte betrifft.“ Für einen kurzen Augenblick stand sein Herz still, er erlangte jedoch schnell wieder die Fassung. „Ich verstehe“, meinte  Kossak. Sie tauschten Förmlichkeiten aus. „Darf ich einen kurzen Moment“…, er deutete mit dem Kinn auf die Türe. Der Arzt verstand ihn und verschwand zusammen mit den Schwestern hinter der nächsten Tür, nachdem er Menuchim gewarnt hatte. „Passen Sie auf, Fräulein Singer ist keine traktable Frau. Und manchmal“, der Arzt seufzte, „eine etwas impertinente Person.“

Kossak betrat das Zimmer. Eine bleiche Frau mit blauschwarzem Haar entblösste sich hinter einem weissen Vorhang, den er zur Seite schob. Sie befand sich in einem leichten Schlaf und war wie fremdes Blut in seinen Augen. Bis auf das schwarze Haar teilten sie nichts miteinander. Dann schlug Mirjam unerwartet die Augen auf. Sofort zogen sich ihre Blicke wie ein Schwarzes Loch gegenseitig an. Zuerst sah Kossak Mendels Augen vor sich: gross, schwarz, träge und halb verhüllt von den schweren Lidern, doch ihre Augen unterschieden sich von denen ihres Vaters. Dieses Augenpaar besass Kälte, Grausamkeit und etwas Intrigantes. Es musterte ihn wie die Beute seines nächsten Fangs.

Aus Mirjams Sicht sah die Begegnung anders aus. Vor ihr tauchte ein Mann auf. Die natürliche Noblesse seines Auftretens verlieh ihm etwas Mysteriöses. Sie begutachtete seine edle Kleidung und seine schmalen Lippen. Aber eigentlich schlug ihr Herz Purzelbaum, weil er einfach männlichen Geschlechtes war. Gerade als sie ihm ihren Körper darbieten wollte, blitzten seine Augen hinter der Brille auf. Es waren zwei schwarze Punkte, die Welten beinhalteten. Sie glänzten wie Juwelen, die aus Weisheit und Güte geformt wurden. Solche Augen hatte sie schon einmal gesehen. Vor vielen langen Jahren. Sie führten Mirjam zu einer vereisten Erinnerung – zum schmutzigen Wasser, etwas Schwerem in der Hand und zu einem Todeswunsch.

Es brachte Mirjam zum Schweigen. Sie sass nur da und starrte ihm in die Augen. Keiner wusste, was ihr durch den Kopf ging. Nach einer Weile riss sich Kossak von ihrem hypnotischen Blick los und versuchte mit ihr zu reden, aber nichts nützte. Sie rührte sich nicht, jedoch verfolgten ihre Augen die seinen. Schliesslich holte Menuchim die Ärzte. Durch Mirjams Kopf ging es wie ein Stummfilm. Sie sah den bekannten Mann vor ihr, der sich mit den Schwestern und Ärzten unterhielt. Obwohl der Arzt männlich war, blieb sie an den Augen Kossaks hängen. Ihr Blick wandte sich nicht von ihm ab. Das war das erste Mal in der Klinik, das sie sich nicht an Männer schmiegte. Mirjam wusste nicht, wie lange dieser mysteriöse Mann geredet hatte. Aber eher sie sich versah, war sie bei ihm im Auto und dann in einem Hotel mit ihm und Mendel.

Mendel Singer erwartete hoffnungsvoll seine beiden Kinder. Als er Mirjam sah, rüttelte er sie sanft. „Mirjam! Mirjam!“, sagte er. Ihre Wangenknochen waren zum Vorschein getreten, ihre Hände schmaler und ihr Haar länger. Für Monate hatte Mendel sie nicht gesehen. Sie antwortete nicht, ihr Auge immer noch auf Menuchim fixiert. Irgendwann gab Mendel seine Gesprächigkeit auf und beschäftigte sich mit etwas anderem.

Sie verbrachten einige Tage in San Francisco und in Chicago. Dann nahmen sie Mirjam mit nach Europa. Bisher waren keine Probleme mit Mirijam aufgetreten. Wenn Kossak ging, dann ging sie auch, wenn er ass, dann ass sie auch, wenn er schlief, dann wurde sie müde und wartete auf den nächsten Tag, bis sich diese Augen nochmals öffneten und sie diese in aller Ruhe betrachten konnte. Eines Tages als Alexej Kossak eines seiner Konzerte gab und Mirjam mit Mendel im Hotel blieb, legte Mendel Menuchims Lied auf. Der Klang zeigte Mirjam Gefühle, die sie nie zuvor erlebt hatte. Es war eine Mischung aus Trauer, Güte und Entschlossenheit. Die Melodie wickelte sich sachte um ihr Herz und floss durch ihre Venen. Sie schloss die Augen und wippte, ohne es zu bemerken, mit dem Takt mit. Als Mendel sie erblickte, betete er zu Gott und dankte ihm für ihre erste Reaktion, die sie seit langem zeigte. „Das Kind wird gesund!“, dachte sich Mendel. Immer als das Lied endete, legte es Mirjam nochmals auf. Nach ein paar Durchgängen summte sie sogar mit! Jedoch reichte dies nicht, um sie zu heilen. Als Menuchim zurückkam, betrachtete er das Ganze überrascht. Sofort galt Mirjams Aufmerksamkeit wieder seinen Augen. Dieses Mal fand Kossak etwas anderes in ihrem Blick. Es war lebendiger, als ob sie ein Teil des Liedes in sich aufgenommen hatte.

Da kam ihm eine Idee.

Nach einigen Monate war es so weit. Es war das erste Mal, dass sie Mirjam mit auf eines seinen Konzerten mitgenommen hatten. Mirjam war begeistert von den Stücken, dann kam ein Lied, dass Alexej Kossak, nein – Menuchim ! – vorstellte. „Dieses Stück ist ganz besonders für mich“, meinte Menuchim. „Es entstand, als ich an meine Schwester dachte.“ Seine Augen, die so voller Leben strahlten, fanden in dem überfüllten Saal die seiner Schwester. „Deshalb gab ich diesem Stück den Namen ‚Mirjam‘.“

Unittelbar fesselte es seine Schwester, als der erste Ton erklang. Die Melodie drang durch ihren Körper und vermittelte ihr Traurigkeit. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie Menuchim ertränken wollte und wie er in ihre Augen gestarrt hatte. Es war nicht ein Blick des Hasses auf seine Schwester gewesen, sondern den Blick eines Kindes voller Liebe, Gnade und Verzeihung, das keinen Hass kannte. Denselben Blick, den er in diesem Moment auf der Bühne trug als, er dieses Lied dirigierte. Erst jetzt verstand Mirjam, was der stumme Menuchim ihr über die ganzen Jahre hinweg hatte sagen wollen. Die Melodie verwandelte sich in eine warme Umarmung, die Mirjam wiegte und ihr ein Gefühl gab, als ob sie wieder zu einem kleinen Kind geworden war und geborgen in den Armen ihrer Mutter lag. Mit dem Unterschied, dass es ihr jüngster Bruder war, der sie in den Armen hielt. Der letzte Teil des Stückes streichelte ihr sanft das Haar und breitete sich wie ein warmer Trank voller Güte und Liebe in ihrem Herzen aus und füllte sie bis in den Fingerspitzen. Als ob Menuchim sie mit seinen grossen Händen tröstete. „Lass alles heraus. Es ist gut. Es ist gut Ich habe dir schon längst vergeben, Schwester. Steh jetzt auf und fange neu an. Ich werde dir zur Seite stehen“, sagten die letzten Klänge.

Sie hatte mitten im Stück angefangen zu schluchzen und den Rest des Stückes rief sie immer wieder Menuchims Namen und „es tut mir leid“ vor sich hin. Das Publikum um sie herum beklagte sich, dass sie das ganze Stück übertönte. Ganz am Schluss kam ein fast unhörbares „danke“ über ihre Lippen. Sie war in Tränen und Schleim verhüllt. Alexej Kossak selbst ging in Begleitung des Scheinwerfers hinauf zu ihr und nahm sie in eine feste Umarmung, so dass sie noch lauter schluchzte und heulte. Er streichelte ihr Haar und sie packte ihn mit beiden Armen und krallte sich fest an seinen Anzug. Genau das hätte sie tun sollen, vor Jahren. Sie hätte ihn nicht hassen sollen, sondern lieben. Sie hätte ihn in ihre Arme nehmen sollen und nicht ertränken. Zum allerersten Mal verspürte Mirjam Geschwisterliebe.

Und so wurde Mirjam geheilt. Mendel pries Gott, wie er den Allmächtigen noch nie zuvor gepriesen hatte. Er hatte eine Frau, die zuvor in Promiskuität gelebt hatte und deren Augen nur Kälte gegenüber der Familie kannten, geheilt und so schön und sanftmütig wie kein anderer zurückgegeben. Menuchims Lieder können heilen.

Sieben Jahre zogen vorbei. Menuchim komponierte viele neue Stücke, unterdessen auch ein Stück für Deborah und Jonas. Über Schemarjah hatte er nicht viele Erinnerungen, doch er sendete ihm Grüsse von der Erde. Mendel konnte nicht mehr gut sehen, aber er freute sich, denn Mirjam hatte einen frommen Mann gefunden und ihm viele Enkel geboren.

Alle waren versammelt beim Familienessen, dann klingelte es an der Haustüre. Mendel hatte ein Déjà-vu. Keiner wusste, wer es war, bis Mendel die Tür aufmachte. Ein erwachsener Mann mit kahlem Kopf stand ihnen gegenüber. Er trug ein weisses Hemd mit Krawatte. In seinen Händen hielt er Stöcke, da ihm ein Bein fehlte, dennoch begrüsste er Mendel mit einem breiten Lächeln. „Nachmittag Sir, ich suche nach einem Mendel Singer.“ – „Das bin ich!“, antwortete Mendel. Er aber erkannte die Stimme nicht und sah den Fremden nur verschwommen. „Ich bin es, Vater, Jonas!“. Mendel Singer began zu lachen. Er bat den Gast herein und tastete sein Gesicht ab, wie er es vor Jahren mit Menuchim gemacht hatte. Das war der glücklichste Tag seines Lebens. Wenn Deborah das gesehen hätte. Jetzt war er froh diesen Tag miterleben zu dürfen.

Sie assen und tranken zusammen, liessen sich Zeit, unterhielten sich miteinander und schossen zum Schluss ein Familienfoto.

Ein paar Tage später starb Mendel an Altersschwäche. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen. Es war, als ob Gott ihm extra noch diesen einen Tag erleben liess und ihn dann zu sich hinaufholte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachbarn – die Stadt, die Strasse, die Füchse, der Traum

Ist die Schweiz ein fremdes Land? Ist Zuhausesein immer etwas Exklusives? Was bedeutet Heimat? Welche Geschichten und Erlebnisse münden in ein Zuhause?

Die letzte Übergangsklasse des Baselstädtischen Schulsystems vor Abschluss der aktuellen Schulreform hat sich anlässlich des Theaterbesuchs des Stücks „Nachbarn“ – http://vereinderflaneure.ch/ – mit diesen Themen befasst und ist in einen Dialog mit den ProduzentInnen – der Dramaturgin Maja Bagat, der Regisseurin Anouk Gyssler und dem Autoren Lucien Haug – getreten, der hier weitergeführt werden soll. Der Schauplatz des Stücks war die Alemannengasse in Kleinbasel, die „Bühne“ war die Strasse selbst, einige Szenen hinter beleuchteten Fenstern von Wohnhäusern, der Text floss mal direkt vom Kopfhörer, mal ganz analog ins Bewusstsein. Aber worum ging es eigentlich? Wir haben den Autoren auf eine kurze Inhaltsangabe festgenagelt:

 

Mit freundlicher Genehmigung der Klassen 3ACef  dürfen wir einige der Urban Sketches als Beitragsbilder einzelner SchülerInnentexte verwenden und bedanken uns für diese Erweiterung des Blicks nach aussen durch ein Fenster, auf eine Häuserzeile, für die Einfärbung einer Fassade oder für ein kleines Detail.

Der gesamte Theatertext von „Nachbarn“ wurde uns zur Verfügung gestellt. Da, wo die Klasse Irritationen, Unverstandenes oder Weiterführendes festhalten wollte, hat sie schriftlich etwas erwidert. Diese Texte nannten wir „Respondenzen“.

Hier geht’s zu den SchülerInnentexten. Wer den Zusammenhang zur Textversion des Stücks herstellen möchte, tue dies hier. Andernfalls lasse man sich gern verwirren.

Die Zahlen bei den Beiträgen beziehen sich auf die Szenenabfolge im Original: Nachbarn_20171014

  1   Trommeln für Expats?

PascaleUndEsthi   AnnaUndEsthi

1-4-8    Dispo 4, der abwegige Velokurier

Fuchsologie

EinTraum

Wir waren seit 7:00 Uhr morgens unterwegs und es ist bereits 14:00 Uhr. Ich fragte mich, wann wir wieder in der Hauptstadt Vientiane ankommen würden. Die Tour war bis jetzt recht amüsant. Man führte uns zur alten Hauptstadt Luang Prabang und auf dem Weg dahin zur idyllischen Stadt Vang Vieng, welche von einer faszinierenden Gebirgslandschaft umgeben ist. Die Lagune am Fluss dort gefiel mir am meisten. Wir waren danach zu Fuss auf dem Weg zu einem Tempel. Der Dschungel war wahrlich atemberaubend. Aber es war so heiss und noch dazu hatte mich irgendetwas gestochen. Der Reiseführer meinte zwar, wir sollten zusammenbleiben, damit wir uns nicht verirren, aber es war sicher nicht schlimm, wenn ich etwas hinterherhinkte und mir den Dschungel genauer ansah. Diese Gelegenheit konnte ich mir ja nicht entgehen lassen.

Das ist ja mein letzter Tag in Laos. Oh – was ist das? Ist das ein – Tempel? Der ist ja gigantisch. Ich glaube man hat uns auch etwas über diesen Tempel erzählt. Mit diesen reich verzierten gestaffelten Dächern und dem anmassenden grossen Eingang. Es sieht wirklich überwältigend aus. Sogar die Säulen sind prachtvoll mit Gold und Juwelen geschmückt. Die Wände mit Mosaiken bestückt. Aber warum leben hier keine Menschen mehr, obwohl es ein solch schöner Ort ist? Eine traumhafte Umgebung.

  Überdies war dieser Tempel

bewohnt und zwar

von Tieren aller Art.

Überdies war dieser Tempel bewohnt und zwar von Tieren aller Art. Es hausten Tiger, Geparden, Vögel, Büffel, Antilopen, Gazellen, Bären, Pandas und Hasen auf dem äusseren Platz des Tempels. Doch auf den ersten Blick wirkte alles ruhig. All diese Tiere lebten harmonisch zusammen. Die Vögel sassen reihenweise auf den Dächern. Der Elefant ruhte sich vor dem Eingang aus, während einige Affen auf ihm herumtobten und andere den Bären nervten. Der Panda knabberte am Bambus. Der Tiger lag faul herum, genau wie die Büffel. Jedoch spielte der Gepard mit einer Gazelle Katz und Maus. Er frass sie aber nicht, als er sie fing. Das erschien mir alles unlogisch und surreal und trotzdem auf eine Art gleichzeitig schön. Plötzlich wirkten alle Tiere nervös und starrten mich an. Sie bemerkten mich. Aber sie wirkten nicht feindselig. Es schien, als wollten sie mich auf etwas aufmerksam machen. Sie wiesen mit ihren Tatzen, Pfoten und Hufen auf den grossen Eingang. Mit grosser Furcht lief ich an den Tieren vorbei und in den Tempel. Das Innere des Tempels war wie erwartet genauso wie das Äussere prächtig verziert. Jedoch zog mich eine buddhistische Statue in ihren Bann. Sie wirkte wie der Mittelpunkt des ganzen Tempels. Ich sah sie mir akribisch an. Sie wirkte wirklich wunderschön und war mit viel Sorgfalt und Zeit gemeisselt worden. Ich fasste sie an und nach einem Augenblick veränderte sich alles. Ich war plötzlich an einem anderen Ort! Ich befand mich in einer Ruine. Ich erkundete die Ruine und nichts davon sah nach etwas Buddhistischem aus wie im Tempel. Es fühlte sich nicht richtig an. – Es war plötzlich etwas kühler. Erst als ich an den Tempel dachte, realisierte ich erst wirklich, dass der Tempel fehlte, verschwunden war und alle Tiere ebenfalls.

Ausnahmslos. Der Dschungel rund um die Ruine sah auch anders aus. Ich verstand gar nichts – war ich immer noch in Laos? Ich versuchte meine Gruppe wiederzufinden. Leider stiess ich nach Stunden immer noch nicht auf sie. Ich stiess nur auf bunte Vögel und andere Tieren. Es wurde bereits dunkel. Dennoch suchte ich vergebens weiter, bis ich ein pyramidenähnliches Bauwerk entdeckte. Es hatte auf allen vier Seiten eine grosse Treppe mit vielen Stufen. Ich schätzte die Pyramide erstreckte sich ungefähr 40 Meter in die Luft. Das Bauwerk sah aus wie eine der Pyramiden der Azteken. Ich glaube, ich war in Südamerika. Aber wie? Ich bemerkte wieder, dass sich Tiere auf den Stufen der Pyramide befanden. Dieses Mal wirkten die Tiere jedoch nicht mehr so harmonisch. Einige stritten sich sogar. Ich bestieg die Treppen und versuchte den Eingang zu öffnen. Er liess sich nur mit grosser Mühe bewegen. Im Inneren war es stockdunkel. Jedoch brannte eine Fackel neben dem Eingang, ich nahm sie und erkundete das Innere. Der Raum schien komplett leer. Plötzlich stolperte ich vor Müdigkeit, und bevor ich auf dem Boden aufknallte, befand ich mich wieder bei meiner Gruppe. Wieder verstand ich gar nichts. Ich biss gerade die Zähne zusammen und war bereit für den Aufprall. War das alles ein Traum? Es fühlte sich alles echt an. Einerseits hätte ich gerne noch eine Weile den friedlichen zusammenlebenden Tieren beim Tempel zugesehen, aber es war sicherlich besser, dass das nur ein Traum war. Falls … Nach einer Viertelstunde Fussmarsch erreichten wir einen Tempel. Was? – Das ist derselbe Tempel wie vorher. Um zu bestätigen, dass es ein Traum war, fragte ich den Reiseführer, ob wir hier nicht bereits waren, und er antwortete mit einem simplen Nein. Also war es wirklich nur ein Traum. Plötzlich war der Tempel bewohnt.

Es waren keine Tiere mehr

Es waren keine Tiere mehr. Es war nur noch eine grosse Gruppe von Mönchen. Die Wände, die Säulen und die Dächer waren immer noch die gleichen. Die Mönche luden uns ein zeigten uns ihren Alltag und ihre Gebräuche. Nach all dem brachen wir wieder auf und gingen zurück zur Stadt.

Beim Abendessen dachte ich nochmals darüber nach und war dann doch erleichtert, dass es nur ein Traum war.

Der Durst von Dispo 4   Dispo 4 danach  EinTraum   Blutkonserven statt Sushi

10   Zuhause – dialektische Erörterung?

Zuhause ist wo1   Zuhause ist wo2

Wo ist Zuhause? Was bedeutet eigentlich Zuhause?

Ist es das Haus, in dem ich wohne und die meiste Zeit meines Lebens verbringe, in dem ich schlafe?

Bin ich hier zuhause, weil hier alles so bleibt, wie es ist, während sich die Welt draussen die ganze Zeit verändert?

Während neue Gebäude entstehen, junge Leute durch die Strassen eilen und nichts beständig ist?

Bin ich hier zuhause, weil ich hier von all dem flüchten und abschalten kann?

Oder weil hier meine Familie ist?

 

Wäre mein Zuhause ohne meine Familie immer noch mein Zuhause? Könnte ich umziehen und jeden beliebigen Ort zu meinem Zuhause machen? Will ich vielleicht einfach hier wohnen? Oder habe ich mich nur schon an all das hier gewöhnt, weil meine Sachen hier sind?

Würde ich diesen Ort überhaupt vermissen?

Die Strassen, in denen ich schon so vieles erlebt habe, die ich schon so oft gegangen bin? Den Garten, in dem ich meinen ersten Kuss erlebte?

Den Park, in dem ich gelernt habe Fahrrad zu fahren, in dem so viele schöne Erinnerungen schlummern, die ich in meiner Kindheit geschaffen habe?

Wahrscheinlich…

Könnte ich mir vorstellen, dass dies die letzten Strassen sein werden, die ich jemals gehen werde? Hier bis zum letzten Atemzug meines Lebens zu wohnen?

Irgendwie gruselig, diese Vorstellung.

Sollte ich diesen Ort als Heimat zurücklassen und mir ein neues „Zuhause“ suchen, solange ich noch jung bin?

Und meine Nachbarn?

Die ich von Kindesbeinen an kenne und mit denen ich gross geworden bin? Machen sie diesen Ort vielleicht zu meinem Zuhause?

Diesen Ort, von dem ich am liebsten flüchten würde, der sich manchmal schon fast wie ein Gefängnis anfühlt, aus dem ich am liebsten ausbrechen würde? Soll ich alles hinter mir lassen und mir ein neues Zuhause suchen? Könnte ich mir vorstellen an einem anderen Ort zu schlafen? Ich übernachte öfters bei Freunden, also warum nicht?

Ist doch schliesslich das Gleiche.

Würde es sich wie eine Übernachtung anfühlen oder wie ein richtiges Zuhause?
Wäre ich an diesem Ort geborgen? Würde mir solch ein Ort so vertraut werden, dass ich ihn blind durchlaufen könnte?

Den Lichtschalter im Dunkeln finden?

Letzten Endes brauche ich ja nur meine eigenen vier Wände, in denen ich tun und lassen kann, was ich will, in die ich mich zurückziehen und in denen ich entspannen kann.

Ich würde mir neue Beziehungen aufbauen, meine Freundin wäre bestimmt auch dafür, aus diesem Kaff wegzuziehen. Oder wird sie die abendlichen Spaziergänge in Basels Strassen vermissen?

Und ich? Kann ich mir ein Leben vorstellen, in dem ich nicht die Ufer des Rheins entlanglaufe? Der Rhein, in den ich mit meinen Freunden im Sommer einfach hineinspringe und alles hinter mir lasse?

Ich identifiziere mich mit diesem Ort, zu dem ich eine sehr enge Beziehung habe, doch ist das ein Grund, mir kein neues Zuhause aufzubauen?

Habe ich Angst vor Veränderung? Dieses Haus bietet mir Sicherheit, was will ich mehr?Hier habe ich Familie und Freunde, sogar die Nachbarn sind mir ans Herz gewachsen.Die Nachbarn, die genauso wie ich durchs Leben wandeln, die stressige Tage im Büro oder auf der Arbeit verbringen, die auf ihre Kinder achten und nach langen Stunden endlich wieder zuhause sind, ohne ständig über die Bedeutung ihres Zuhauses nachzudenken.

Nachbarn, die auch froh sind, wenn sie etwas Beständiges haben, in einer Zeit, in der sonst alles rasend schnell an uns vorbeigeht und sich alles nur wie ein Augenblick anfühlt.Würde ich meine Nachbarn fragen, was für sie ein Zuhause ist, würde ich wahrscheinlich die Antwort „zuhause ist, wo das Herz ist“ erhalten.Auch ich denke, dass mein Herz einen Platz gefunden hat, an dem es bleiben möchte, an dem ich von Glückseligkeit erfüllt bin.

Sozialpakt für die Nutzung der Studioräume

Liebe Studio-NutzerInnen

Danke!

Vielen Dank, dass Sie diese Räume weitgehend zweckmässig und intensiv nutzen. Während der letzten 1.5 Jahre mussten wir nur selten untragbare Situationen punkto Littering antreffen.

Snacks/Trinken

Es ist in diesem Raum nicht grundsätzlich verboten, Getränke/ geruchsarme Snacks zu konsumieren. Wir möchten aber alle bitten, die PC-Tische weiterhin getränke- und krümelfrei zu halten und für Verzehr auf die roten Bistrotische auszuweichen. Es ist nicht verboten, die Tische zu reinigen oder Besen, Lappen und Schaufel neben dem Lavabo zu benutzen, um den Raum sauber zu halten.

Papier

Bitte benutzen Sie den Drucker moderat. Kontrollieren Sie Pdf-Files auf Seitenzahl, bevor Sie ausdrucken. Drucken Sie auf keinen Fall auf kariertes oder liniertes Schreibpapier!!

Bitte gehen Sie auch mit dem bereitgestellten Schreibpapier verhältnismässig um. Es wird eindeutig zu viel Papier verbraucht.

Nutzung des Lehrpersonenraums

Die Nutzung des Nebenraumes ist unter Aufsicht oder in Kenntnis einer raumverantwortlichen Lehrperson erlaubt.

Öffnungszeiten

Der SchülerInnenraum A 02 220 ist von 08.00 bis 17.00 geöffnet.

DB/Michel Vogel Januar 2018                                             Kopie an SL, SR, Mediothek