Ist die Schweiz ein fremdes Land? Ist Zuhausesein immer etwas Exklusives? Was bedeutet Heimat? Welche Geschichten und Erlebnisse münden in ein Zuhause?

Die letzte Übergangsklasse des Baselstädtischen Schulsystems vor Abschluss der aktuellen Schulreform hat sich anlässlich des Theaterbesuchs des Stücks „Nachbarn“ – http://vereinderflaneure.ch/ – mit diesen Themen befasst und ist in einen Dialog mit den ProduzentInnen – der Dramaturgin Maja Bagat, der Regisseurin Anouk Gyssler und dem Autoren Lucien Haug – getreten, der hier weitergeführt werden soll. Der Schauplatz des Stücks war die Alemannengasse in Kleinbasel, die „Bühne“ war die Strasse selbst, einige Szenen hinter beleuchteten Fenstern von Wohnhäusern, der Text floss mal direkt vom Kopfhörer, mal ganz analog ins Bewusstsein. Aber worum ging es eigentlich? Wir haben den Autoren auf eine kurze Inhaltsangabe festgenagelt:

 

Mit freundlicher Genehmigung der Klassen 3ACef  dürfen wir einige der Urban Sketches als Beitragsbilder einzelner SchülerInnentexte verwenden und bedanken uns für diese Erweiterung des Blicks nach aussen durch ein Fenster, auf eine Häuserzeile, für die Einfärbung einer Fassade oder für ein kleines Detail.

Der gesamte Theatertext von „Nachbarn“ wurde uns zur Verfügung gestellt. Da, wo die Klasse Irritationen, Unverstandenes oder Weiterführendes festhalten wollte, hat sie schriftlich etwas erwidert. Diese Texte nannten wir „Respondenzen“.

Hier geht’s zu den SchülerInnentexten. Wer den Zusammenhang zur Textversion des Stücks herstellen möchte, tue dies hier. Andernfalls lasse man sich gern verwirren.

Die Zahlen bei den Beiträgen beziehen sich auf die Szenenabfolge im Original: Nachbarn_20171014

  1   Trommeln für Expats?

PascaleUndEsthi   AnnaUndEsthi

1-4-8    Dispo 4, der abwegige Velokurier

Fuchsologie

EinTraum

Wir waren seit 7:00 Uhr morgens unterwegs und es ist bereits 14:00 Uhr. Ich fragte mich, wann wir wieder in der Hauptstadt Vientiane ankommen würden. Die Tour war bis jetzt recht amüsant. Man führte uns zur alten Hauptstadt Luang Prabang und auf dem Weg dahin zur idyllischen Stadt Vang Vieng, welche von einer faszinierenden Gebirgslandschaft umgeben ist. Die Lagune am Fluss dort gefiel mir am meisten. Wir waren danach zu Fuss auf dem Weg zu einem Tempel. Der Dschungel war wahrlich atemberaubend. Aber es war so heiss und noch dazu hatte mich irgendetwas gestochen. Der Reiseführer meinte zwar, wir sollten zusammenbleiben, damit wir uns nicht verirren, aber es war sicher nicht schlimm, wenn ich etwas hinterherhinkte und mir den Dschungel genauer ansah. Diese Gelegenheit konnte ich mir ja nicht entgehen lassen.

Das ist ja mein letzter Tag in Laos. Oh – was ist das? Ist das ein – Tempel? Der ist ja gigantisch. Ich glaube man hat uns auch etwas über diesen Tempel erzählt. Mit diesen reich verzierten gestaffelten Dächern und dem anmassenden grossen Eingang. Es sieht wirklich überwältigend aus. Sogar die Säulen sind prachtvoll mit Gold und Juwelen geschmückt. Die Wände mit Mosaiken bestückt. Aber warum leben hier keine Menschen mehr, obwohl es ein solch schöner Ort ist? Eine traumhafte Umgebung.

  Überdies war dieser Tempel

bewohnt und zwar

von Tieren aller Art.

Überdies war dieser Tempel bewohnt und zwar von Tieren aller Art. Es hausten Tiger, Geparden, Vögel, Büffel, Antilopen, Gazellen, Bären, Pandas und Hasen auf dem äusseren Platz des Tempels. Doch auf den ersten Blick wirkte alles ruhig. All diese Tiere lebten harmonisch zusammen. Die Vögel sassen reihenweise auf den Dächern. Der Elefant ruhte sich vor dem Eingang aus, während einige Affen auf ihm herumtobten und andere den Bären nervten. Der Panda knabberte am Bambus. Der Tiger lag faul herum, genau wie die Büffel. Jedoch spielte der Gepard mit einer Gazelle Katz und Maus. Er frass sie aber nicht, als er sie fing. Das erschien mir alles unlogisch und surreal und trotzdem auf eine Art gleichzeitig schön. Plötzlich wirkten alle Tiere nervös und starrten mich an. Sie bemerkten mich. Aber sie wirkten nicht feindselig. Es schien, als wollten sie mich auf etwas aufmerksam machen. Sie wiesen mit ihren Tatzen, Pfoten und Hufen auf den grossen Eingang. Mit grosser Furcht lief ich an den Tieren vorbei und in den Tempel. Das Innere des Tempels war wie erwartet genauso wie das Äussere prächtig verziert. Jedoch zog mich eine buddhistische Statue in ihren Bann. Sie wirkte wie der Mittelpunkt des ganzen Tempels. Ich sah sie mir akribisch an. Sie wirkte wirklich wunderschön und war mit viel Sorgfalt und Zeit gemeisselt worden. Ich fasste sie an und nach einem Augenblick veränderte sich alles. Ich war plötzlich an einem anderen Ort! Ich befand mich in einer Ruine. Ich erkundete die Ruine und nichts davon sah nach etwas Buddhistischem aus wie im Tempel. Es fühlte sich nicht richtig an. – Es war plötzlich etwas kühler. Erst als ich an den Tempel dachte, realisierte ich erst wirklich, dass der Tempel fehlte, verschwunden war und alle Tiere ebenfalls.

Ausnahmslos. Der Dschungel rund um die Ruine sah auch anders aus. Ich verstand gar nichts – war ich immer noch in Laos? Ich versuchte meine Gruppe wiederzufinden. Leider stiess ich nach Stunden immer noch nicht auf sie. Ich stiess nur auf bunte Vögel und andere Tieren. Es wurde bereits dunkel. Dennoch suchte ich vergebens weiter, bis ich ein pyramidenähnliches Bauwerk entdeckte. Es hatte auf allen vier Seiten eine grosse Treppe mit vielen Stufen. Ich schätzte die Pyramide erstreckte sich ungefähr 40 Meter in die Luft. Das Bauwerk sah aus wie eine der Pyramiden der Azteken. Ich glaube, ich war in Südamerika. Aber wie? Ich bemerkte wieder, dass sich Tiere auf den Stufen der Pyramide befanden. Dieses Mal wirkten die Tiere jedoch nicht mehr so harmonisch. Einige stritten sich sogar. Ich bestieg die Treppen und versuchte den Eingang zu öffnen. Er liess sich nur mit grosser Mühe bewegen. Im Inneren war es stockdunkel. Jedoch brannte eine Fackel neben dem Eingang, ich nahm sie und erkundete das Innere. Der Raum schien komplett leer. Plötzlich stolperte ich vor Müdigkeit, und bevor ich auf dem Boden aufknallte, befand ich mich wieder bei meiner Gruppe. Wieder verstand ich gar nichts. Ich biss gerade die Zähne zusammen und war bereit für den Aufprall. War das alles ein Traum? Es fühlte sich alles echt an. Einerseits hätte ich gerne noch eine Weile den friedlichen zusammenlebenden Tieren beim Tempel zugesehen, aber es war sicherlich besser, dass das nur ein Traum war. Falls … Nach einer Viertelstunde Fussmarsch erreichten wir einen Tempel. Was? – Das ist derselbe Tempel wie vorher. Um zu bestätigen, dass es ein Traum war, fragte ich den Reiseführer, ob wir hier nicht bereits waren, und er antwortete mit einem simplen Nein. Also war es wirklich nur ein Traum. Plötzlich war der Tempel bewohnt.

Es waren keine Tiere mehr

Es waren keine Tiere mehr. Es war nur noch eine grosse Gruppe von Mönchen. Die Wände, die Säulen und die Dächer waren immer noch die gleichen. Die Mönche luden uns ein zeigten uns ihren Alltag und ihre Gebräuche. Nach all dem brachen wir wieder auf und gingen zurück zur Stadt.

Beim Abendessen dachte ich nochmals darüber nach und war dann doch erleichtert, dass es nur ein Traum war.

Der Durst von Dispo 4   Dispo 4 danach  EinTraum   Blutkonserven statt Sushi

10   Zuhause – dialektische Erörterung?

Zuhause ist wo1   Zuhause ist wo2

Wo ist Zuhause? Was bedeutet eigentlich Zuhause?

Ist es das Haus, in dem ich wohne und die meiste Zeit meines Lebens verbringe, in dem ich schlafe?

Bin ich hier zuhause, weil hier alles so bleibt, wie es ist, während sich die Welt draussen die ganze Zeit verändert?

Während neue Gebäude entstehen, junge Leute durch die Strassen eilen und nichts beständig ist?

Bin ich hier zuhause, weil ich hier von all dem flüchten und abschalten kann?

Oder weil hier meine Familie ist?

 

Wäre mein Zuhause ohne meine Familie immer noch mein Zuhause? Könnte ich umziehen und jeden beliebigen Ort zu meinem Zuhause machen? Will ich vielleicht einfach hier wohnen? Oder habe ich mich nur schon an all das hier gewöhnt, weil meine Sachen hier sind?

Würde ich diesen Ort überhaupt vermissen?

Die Strassen, in denen ich schon so vieles erlebt habe, die ich schon so oft gegangen bin? Den Garten, in dem ich meinen ersten Kuss erlebte?

Den Park, in dem ich gelernt habe Fahrrad zu fahren, in dem so viele schöne Erinnerungen schlummern, die ich in meiner Kindheit geschaffen habe?

Wahrscheinlich…

Könnte ich mir vorstellen, dass dies die letzten Strassen sein werden, die ich jemals gehen werde? Hier bis zum letzten Atemzug meines Lebens zu wohnen?

Irgendwie gruselig, diese Vorstellung.

Sollte ich diesen Ort als Heimat zurücklassen und mir ein neues „Zuhause“ suchen, solange ich noch jung bin?

Und meine Nachbarn?

Die ich von Kindesbeinen an kenne und mit denen ich gross geworden bin? Machen sie diesen Ort vielleicht zu meinem Zuhause?

Diesen Ort, von dem ich am liebsten flüchten würde, der sich manchmal schon fast wie ein Gefängnis anfühlt, aus dem ich am liebsten ausbrechen würde? Soll ich alles hinter mir lassen und mir ein neues Zuhause suchen? Könnte ich mir vorstellen an einem anderen Ort zu schlafen? Ich übernachte öfters bei Freunden, also warum nicht?

Ist doch schliesslich das Gleiche.

Würde es sich wie eine Übernachtung anfühlen oder wie ein richtiges Zuhause?
Wäre ich an diesem Ort geborgen? Würde mir solch ein Ort so vertraut werden, dass ich ihn blind durchlaufen könnte?

Den Lichtschalter im Dunkeln finden?

Letzten Endes brauche ich ja nur meine eigenen vier Wände, in denen ich tun und lassen kann, was ich will, in die ich mich zurückziehen und in denen ich entspannen kann.

Ich würde mir neue Beziehungen aufbauen, meine Freundin wäre bestimmt auch dafür, aus diesem Kaff wegzuziehen. Oder wird sie die abendlichen Spaziergänge in Basels Strassen vermissen?

Und ich? Kann ich mir ein Leben vorstellen, in dem ich nicht die Ufer des Rheins entlanglaufe? Der Rhein, in den ich mit meinen Freunden im Sommer einfach hineinspringe und alles hinter mir lasse?

Ich identifiziere mich mit diesem Ort, zu dem ich eine sehr enge Beziehung habe, doch ist das ein Grund, mir kein neues Zuhause aufzubauen?

Habe ich Angst vor Veränderung? Dieses Haus bietet mir Sicherheit, was will ich mehr?Hier habe ich Familie und Freunde, sogar die Nachbarn sind mir ans Herz gewachsen.Die Nachbarn, die genauso wie ich durchs Leben wandeln, die stressige Tage im Büro oder auf der Arbeit verbringen, die auf ihre Kinder achten und nach langen Stunden endlich wieder zuhause sind, ohne ständig über die Bedeutung ihres Zuhauses nachzudenken.

Nachbarn, die auch froh sind, wenn sie etwas Beständiges haben, in einer Zeit, in der sonst alles rasend schnell an uns vorbeigeht und sich alles nur wie ein Augenblick anfühlt.Würde ich meine Nachbarn fragen, was für sie ein Zuhause ist, würde ich wahrscheinlich die Antwort „zuhause ist, wo das Herz ist“ erhalten.Auch ich denke, dass mein Herz einen Platz gefunden hat, an dem es bleiben möchte, an dem ich von Glückseligkeit erfüllt bin.