Ein Reizbildaufsatz als Modell

ein schönes Beispiel dafür, wie ausgehend von einer bereits sehr stark „erzählenden“ Fotografie Recherche und Erzähltalent zusammenkommen.

 

von Tatiana 2d, 2020

 

 

Sie lebt in einer Welt, die sie nicht annimmt

 

Hunde bellten. Kinder kreischten herum. Der harte Untergrund, auf dem Josephine Mpongo schlief, liess sie unsanft aufwachen. Müde drehte sie sich zur Uhr um. In grellem Rot leuchtete ihr die Zahl fünf entgegen. Nur mühsam richtete sich die 37-Jährige auf. Ihre nackten Füsse schleppte sie über den staubigen Fussboden. Sie wohnte momentan bei ihrer jüngeren Schwester Sohana. Josephines Mann hatte sie verstossen, da sie ihm keine Kinder schenken konnte. Ihre ganze Familie nahm sie als Versagerin und Schande wahr. Doch es machte ihr mittlerweile nichts mehr aus. Die Frau aus Kinshasa, der Hauptstadt von Kongo, sehnte sich nur nach Ruhe und Zuflucht. Auf dem weg aus dem instabilen Blechhaus grüsste sie noch ihre kleinen Nichten und Neffen, welche gerade am Frühstücken waren. Sie ignorierte ihren knurrenden Magen. Das Essen im Haushalt Mpongo war knapp.

 

Viele Menschen waren auf der Strasse unterwegs. Tausende Gerüche von Abfall und Schweiss umhüllten Josephines Nase. Mittlerweile war sie jedoch daran gewöhnt und verfolgte zielstrebig ihren Weg zum Fischmarkt. Dort arbeitete sie seit einiger Zeit, da sie ihren Traum als Musikerin auf Grund ihrer Lebenssituation hatte aufgeben müssen. Auch heute begann ihr Arbeitstag wie jeder andere. Unfreundlich motzte ihr Chef sie an. Der opulente Glatzkopf war einer von vielen, der ihr im Leben keinen Respekt erweist. Sei es auf Grund ihres Geschlechtes, ihrer Art oder einfach, weil sie als Sündenbock herhalten musste. Josephine zog sich die alten Gummihandschuhe über und begann ihre monotone Arbeit. Während sie etliche Fische zerlegte und Schuppen abbürstete, wurde eines ihres einzigen Gewands dreckig. Eingeweide und Blut liegt ihr zu Füssen. Die einzige Ablenkung von dem waren die Melodien in ihrem Kopf. Nach jeder sexistischen Bemerkung eines Standbesuchers liess die Kongolesin in Gedanken Musik in sich erblühen. Nach etlichen Stunden erlösten Josephines Schwestern sie von ihrem Leid. Jedoch war sie sich nicht sicher, welche Gesellschaft sie bevorzugte: Die Anwesenheit von ruppigen Männern in einer dreckigen Umgebung, wo man nur krank werden kann oder diejenige ihrer Schwestern, die sie mit missachtenden Blicken nur so durchlöcherten.

 

Zu Fuss gingen die Frauen den Strassen entlang, welche zum gigantischen Fluss Kongo führten. Jede von ihnen trug einen Wasserkanister und einen geflochtenen Wäschekorb mit sich. Es war gefährlich bei einer so hohen Kriminalitätsrate unterwegs zu sein, doch nicht im Entferntesten konnte sich die Grossfamilie einen typischen Toyota leisten. Diese beliebten Fahrzeuge, mehr zerfallen als an einem Stück, kurvten überall herum. Sie hinterliessen eine Abgasspur und nicht selten kamen Tiere durch den rücksichtslosen Fahrstyle um. Josephines Arme und Beine zitterten vor Anstrengung. Es war ein harter Tag. Durch die mangelhafte Ernährung war sie oft schon schwach. Erleichtert liess sie ihre Traglast in den Sand des Flussufers gleiten. Den Moment der stille genoss sie, indem sie ihren Körper entspannen liess. Endlich sank die Sonne und die Hitze wurde erträglicher. Der Schweiss hörte auf, konstant aus ihren Poren zu quellen. Die dunkelhäutige Frau schlüpfte mit ihren geschwollenen Füssen aus ihren Schlappen und tapste zum Wasser. Bedacht darauf, nicht auf den unzähligen Abfall zu treten, genoss sie die letzten Sekunden, bis sie die Realität wieder einholte. Hinter ihr vernahm sie aufgeregtes Schnattern und schon bald schnauzte ihre älteste Schwester sie an. Sie solle gefälligst Wasser holen und Wäsche waschen. Immer aufs Neue gab ihr die Verwandtschaft zu verstehen, dass sie die Aussenseiterin war. Josephine erwischte ihre Schwestern oftmals dabei, wie sie über all ihre Handlungen urteilten. Früher hatte es sie zerstört. Von innen aufgefressen. Heute hinterliess es ein stechendes Gefühl im Brustbein, doch sie hatte ihre Kompensation zum familiären Liebesentzug gefunden. Das Spielen ihres Cellos, welches sie vor etlichen Jahren auf einer Abfalldeponie gefunden hat. Die Kongolesin sehnte sich nach ihrem Ausgleich. Das Spielen erfüllte sie mit einer Wärme, die ihr keiner nehmen konnte. Es liess sie den Alltag überstehen.

 

Zurück in ihrer vorübergehenden Bleibe half sie Sohona bei der Zubereitung von Reis und Kochbananen. Deren Mann sass passiv auf dem einzigen Stuhl und las rauchend eine veraltete Zeitung. Das Essen nahmen sie auf dem Boden sitzend ein. Die Kinder rannten aufgedreht umher. Josephine nahm alles wie in einer Blase war: Geräuschfetzen zogen an ihr vorbei. Lichter verschwammen und ganz automatisch erhob sich ihr Körper. Sie legte ihren Teller in einen Plastikkübel, der als Waschbecken fungierte und holte ihr geliebtes Cello hinter der angrenzenden Bambus-Schlafmatte hervor. Josephines Füsse trugen sie nach aussen. Ein paar Blocks entfernt liess sie sich auf ihren Stammplatz, einen neongrünen Plastikstuhl mitten auf der Strasse, nieder.

 

Sanft wie der Wind setzte sie den Bogen an und fing an, ihn über die Saiten gleiten zu lassen. Die tiefen Töne flossen nur so aus dem Cello heraus und liessen die Musikerin alles vergessen. Ihre Schmerzen, körperlich und psychisch, fielen von ihr ab, als wäre es nichts. Die vertraute Wärme erfüllte Josephines Körper. Sie wog sich mit der Melodie hin und her durch die dunkle Nacht. Nichts und niemand konnte ihr diesen Moment nehmen. Die Frau strahlte von innen eine Ruhe aus, welche ihr im regulären Alltag nicht erstattet wurde. Sie war endlich sie selbst. Frei und rein in ihrem Gedankenpalast, der leider nicht ewig währen konnte. Doch jede Nacht wiederholte Josephine Mpongo dieses heilige Ritual. Als Schöpfung der Energie für den folgenden Tag. Sie lebte in einer Welt, die für Individuen wie sie keinen Platz hatten. Sie fand ihren Weg zur Idylle, in der sie mit sich im Einklang war.