Wir freuen uns sehr, dass sich nach unserer Lektüre zweier Gegenwartsromane beide Autorinnen – Leta Semadeni, die Verfasserin von Tamangur, und Jenny Erpenbeck, deren Roman „Wörterbuch“ etwas später in diesem Blog ebenfalls beleuchtet wird – freundlicherweise bereit erklärt haben, sich zu einigen motivorientierten Interpretationen der 2d zu äussern und ins Gespräch zu kommen. Die Lektüre der hier veröffentlichten Ausschnitte bildet dazu die Grundlage. Teile beider Gespräche haben wir aufgezeichnet und werden hier und später veröffentlicht.

Frau Semadeni, organisieren Sie Ihren Romantext von Anfang an in der Struktur und ist das Verfassen eines Textes eine ständige Vertiefung und Verfeinerung?…

Audioausschnitte aus dem Gespräch, …das wegen technischen Problemen wunderbar knackend per Handy aufgenommen wurde…

Textpassagen und deren Interpretationen – eine Begehung

Es ist Mittag, die Glocken läuten die Straßen sind schon leer. Aus den Ritzen unter den Füßen quillt der Teer. Das Kind bückt sich, klaubt etwas von der schwarzen Masse mit dem Zeigefinger heraus, bewegt den Zeigefinger schnell in der Luft hin und her, um den Teer abzukühlen, steckt ihn sich in den Mund und beginnt zu kauen, während es die steile Gasse hinaufläuft, schnell, mit gesenktem Kopf…

Tagträumen und in Gedanken schwelgen. Das tut das Kind während des Spazierens durch die Gassen des Engadiner Bergdorfes. Es sind die Geschehnisse der Seite 5 des Romans Tamangur, also dem Einleitungsabschnitt. Während es träumt, kaut es auf einem Stück Teer herum.

Es schwebt in Gedanken und ignoriert die reale Welt, bis eine Ziege vorbeigeht und es aus dem Sinnieren herausreisst. Die Enge des Dorfes zwingt die Bewohner manchmal dazu, in Geschichten zu versinken.

Die vorgestellte Welt ist ein zentrales Motiv dieses Romans.
Jene Ziege bildet ein Bindeglied zur realen Welt und das freigelassene Ohr ist der offene Türspalt zur Realität. Menschen in diesem Ort ziehen sich oft in eine Gedankenwelt zurück.

Sie fühlen sich gefangener als Tiere und das obwohl diese im gleichen Dorf leben, dieselbe Luft atmen und die gleichen Gassen kreuzen wie sie. Dann stimmt doch da etwas nicht. 

Wo Träumen nicht hilft, bleibt die Erinnerung: Die Erinnerung ist weit weg von der Wahrheit, sagt die Grossmutter, aber sie macht glücklich. Ausserdem berichtete sie immer wieder von Reisen, die sie erlebt hat und an die sie sich so gerne erinnert. Denn die heutige Realität passt ihr nicht mehr. Sie wäre lieber nicht mehr in diesem Dorf. Durch das Träumen kann die Grossmutter die Grenzen des kleinen Dorfes überwinden. David Ankli, Tal der Träumer

 …Ist die Bank leer, so setzt sich das Kind dorthin und überlegt, welche Geschichten die Bank gehört hat. Die Sitzfläche ist vielleicht noch warm, und das heißt, dass jemand kurz davor dort saß und Zeit hatte, der Bank Lügen zu erzählen. Darum heißt die Bank Lügenbank.
Das Kind streicht mit dem Finger durch die Rillen und Ritzen im Holz, ein Hund oder eine Ziege spazieren vorbei auf der Hauptstraße, die um diese Zeit in der Sonne flirrt und nach Teer stinkt.
Warum die Ziege ohne Glocke immer allein unterwegs ist, weiß man nicht. Ist sie verloren gegangen in den Gassen? Es ist, als würde sie ständig auf der Suche sein nach irgendetwas.
Manchmal ist das Kind unglücklich wegen der vergeblichen Suche der Ziege. Es kann den fremden Kummer nicht auf Abstand halten. Auf der anderen Seite des Flusses verschwindet ein Seitental zwischen den Bergen. Der Großvater hatte dem Kind erzählt, dass dort Schneehasen und Schneehühner und andere Wesen und Pflanzen wohnen, die die Fähigkeit haben, ihr Kleid der Umgebung so genau anzupassen, dass man sie nicht mehr sieht…

Das Herz der Großmutter ist ein großer Wald mit dichtem Gestrüpp, mit himmelhohen und niedrigen Bäumen, mit vielen Sträuchern. Man kann darin spazieren gehen oder sich darin verirren.

Da gibt es auch Lichtungen, die sich wie eine Überraschung öffnen. Ein Schritt, und das Kind steht plötzlich im Licht, über ihm der Himmel, die weichen Wolkenkissen, die Sonne. Da ist die Großmutter ein Engel, der jeden Wunsch erfüllt.

Sie hüpft durch die Wohnung, nimmt das Kind bei der Hand, läuft mit ihm in den Schuhladen und kauft ihm plötzlich die roten Ballerinas, die es sich schon lange wünscht.

Ein anderes Mal wird das Kind ins Gestrüpp gejagt, es zerkratzt sich die Füße und die Beine, die Äste schlagen ihm ins Gesicht, es hockt sich ins Dunkel und zittert vor der Großmutter, die zur Hexe wird.

Ohne es zu wollen, hat das Kind eine böse Erinnerung in der Großmutter wachgerufen; im falschen Moment hat es die falschen Töne auf dem Klavier angeschlagen.

Und es hasst die Großmutter mit seiner ganzen Kraft. Wie sie die Lippen zusammenpresst, weil sich in ihrem Mund ein ganzer Klumpen von bösen Wörtern gebildet hat. Das Kind kennt diese schmalen Lippen, es muss auf der Hut sein in solchen Momenten, es verkriecht sich ins Unterholz, bis sich der Mund wieder entspannt.

Der große Klumpen darf nicht entwischen. Es gibt Töne und Wörter, die schlitzen einem das Herz auf, besser als jedes scharfe Messer. Da ist es ratsam, eine Weile im Unterholz zu verschwinden und ganz leise zu sein.

Hier wird die Grossmutter aus der Sicht des Erzählers beschrieben. Ihr Herz wird mit einem Wald verglichen, welcher zu einer Lichtung, zu stechendem Gestrüpp und zu einer Hexe werden kann oder zu einem Engel. Das sind alles Anspielungen auf den Zustand der Grossmutter. Eine Lichtung bietet Sicherheit oder man fühlt sich wohl. Ein Gestrüpp, welches die Füsse oder Beine zerkratzt, steht für die schlechten Erinnerungen des Kindes mit der Grossmutter, die wie Narben von kratzigem Gestrüpp bleiben. Die Grossmutter liebt das Klavier, darum wird sie auch zur boshaften Hexe, wenn das Kind eine falsche Taste drückt. Das Kind hat solche Situationen schon einmal erlebt, darum weiss es auch, dass es sich in solchen Momenten «ins Unterholz verkriechen soll». Das Kind verkriecht sich vor den bösen Wörtern und Tönen der Grossmutter, sonst schlitzen sie das Kind wie mit einem scharfen Messer auf. Im späteren Verlauf von Tamangur kommen solche Situationen zwischen dem Kind und der Grossmutter vor. Ein gutes Beispiel ist das Taschenmesser mit Namensschild, welches dem Grossvater gehört und dem Kind aus der Windjacke fällt. Die Reaktion der Grossmutter ist nicht erfreulich und das Kind «kehrte erst am Abend zurück». Der Engel ist pessimistisch zu interpretieren, weil Engel im Himmel sind, mit anderen Worten nicht auf der Erde leben, genauso wie die Grossmutter am Schluss des Romans, als sie vor den Augen des Kindes in den Himmel fliegt.

Es stechen zwei bekannte Motive ins Auge. Einerseits der Topos Wald, andererseits die Anspielungen auf Märchen. Eine Hexe im Wald wie bei Hänsel und Gretel oder die roten Ballerinas, die an das Rotkäppchen anlehnen. Diese Märchenanspielungen bringen den Leser und das Kind öfters zum Nachdenken

Emanuel Fabbri, Schritte aus dem Wald heraus. Zum vollständigen Text

Als das Kind noch bei den Eltern lebte, leistete Carlotta ihm Gesellschaft. Die Puppe hatte Haare aus Schaffell, eine Haut aus grober Jute, und sie war gefüllt mit Stroh. Es piekte, wenn man sie herzte. Aber das Beste an ihr: Sie war so groß wie der kleine Bruder. Darum hatte Carlotta immer eine grosse Auswahl an Strampelhöschen, Pullöverchen, Jäckchen, Söckchen, kleinen Schuhen und so weiter zur Verfügung, denn der kleine Bruder wuchs sehr schnell. Ad ögl vezzond, sagte die Mutter – was so viel bedeutete wie: Wenn du einen ganzen Tag still sitzen würdest, dann könntest du sehen, wie er wächst. Das Gesicht von Carlotta war auf die Jute gemalt. Die Puppe schielte ganz leicht auf dem linken Auge, genauso wie das Kind, und die nicht vorhandene Nase war mit gemalten Sommersprossen, Märzendreck genannt, nur angedeutet. Die Nase des Kindes war ebenfalls voller Flecken, die auch durch heftiges Schrubben mit Schmierseife, nicht verschwinden wollten. Die Tatsache, dass Carlotta leicht schielte und Märzendreck auf der Nase hatte wie das Kind, verband die beiden. Es fühlt sich solidarisch mit ihr, weil sie außerdem auch ziemlich hässlich war.

«Mach mir auf, mach mir auf!

Königstochter, jüngste,

weißt du nicht, wie du gesagt,

als ich in dem Brünnchen saß,

du wolltest auch mein Schätzchen seyn,

gäb ich dir hell, hell Wässerlein.

An jenem fernen Morgen hatte die Aufregung das Kind früher als sonst aus dem Schlaf gerissen. Es spitzte noch mit geschlossenen Augen die Ohren, doch unter dem Kissen war alles still. Vorsichtig hob es den linken Zipfel hoch. Der kleine Frosch schlief ganz fest, lag mit gestreckten Beinen da, und auch als das Kind ihm einen Stups mit dem Zeigefinger verpasste, bewegte er sich nicht, es wollte noch nicht wach werden.

Dann, als das Kind am Abend wieder ins Bett stieg, war der verzauberte Prinz nicht mehr da. Die Mutter hatte strengstens verboten, Tiere mit ins Bett zu nehmen, vom verzauberten Prinzen verstand sie nichts. Es war der Vater gewesen, der ihr die Geschichte erzählt hatte. Der Frosch blieb verschwunden.
Hatte die Mutter ihn ins Freie gejagt? Oder hatte sich der Frosch, während das Kind schlief, in den Prinzen verwandelt, der nun irgendwo auf der anderen Seite des Flusses, in der Waldlichtung oder unten am Ufer beim Elefanten-Felsen zwischen den Berberitzen ungeduldig auf es wartete?

Auf dieses Gedicht folgt die Erzählung eines Kindes, das eines Morgens einen schlafenden Frosch auf dem Boden liegen sah. Als es am Abend zu Bett ging, sah es den Frosch nicht mehr. Es erinnert sich daran, dass die Mutter verboten hatte, Tiere mit ins Bett zu nehmen und nichts vom verzauberten Prinzen verstand. Der Vater hatte diese Geschichte dem Kind erzählt. Schliesslich endet der Text mit vielen Fragen. Einerseits fragt sich das Kind, ob die Mutter den Frosch ins Freie gejagt hatte und andererseits, ob sich dieser vielleicht in einen Prinzen verwandelt hatte und wie im Gedicht auf die Königstochter irgendwo wartete beziehungsweise sie sehen wollte.

Was hätte es, ein kleines Mädchen, tun können? Der Fluss war so stark, und beinahe wäre es selber auch mitgerissen worden. Es hatte gerufen, geschrien.

Dieser Satz lässt vermuten, dass das Kind jemanden retten wollte. Jemanden, der vom Fluss mitgerissen wurde. Das Hervorheben von «ein kleines Mädchen» verdeutlicht die Unschuld des Kindes, das zwar alles versucht hat, aber schlichtweg zu schwach war. Wenn man auf der nächsten Seite weiterliest, erkennt man, um wen es sich bei diesem jemanden handelt, um den kleinen Bruder. «Still und klein, immer kleiner, mit einer verstörenden Selbstverständlichkeit, ohne sich im Geringsten zu wehren…» zeigt, dass der kleine Bruder womöglich noch ein Baby war, als er in den Fluss fiel und verloren ging. Hier könnte man den Bogen zum Prinzen auf der Seite 15 schlagen.

Dieser kommt nach der Verwandlung des Froschs zum Vorschein, dabei wird aus einem Tier ein Mensch. Der Bruder gleicht aber einem Fisch, aus einem Menschen wird also ein Tier. Auf die Frage des Kindes, wohin denn der Fluss führt, hatte die Grossmutter «ins Schwarze Meer» geantwortet. Tatsächlich gibt es im Dorf Tamangur in Scuol einen Fluss «Clemgia», der in den Inn, später in die Donau und zuletzt ins Schwarze Meer fliesst. Wie bereits vorhin schon erwähnt, ist die Wasserwelt, hier durch den Fluss und das Schwarze Meer vertreten, ein zentrales Motiv in der ganzen Geschichte. In dieser wird gleich auf der nächsten Seite der Bruder wieder erwähnt. Das Kind fantasiert darüber, wieso denn die Milchstrasse Milchstrasse heisst. In seiner Fantasie bildet die Milch einen weissen Fluss, der die Ziege gleich wie den kleinen Bruder mitreisst. Auch die Ziege wird in das Schwarze Meer getrieben, wo der Bruder ist. Das Kind ist erleichtert, dass die Ziege nicht allein ist.

Amire Jakupi, Von Märchen und Alpträumen, zum vollständigen Text

Die Seltsamen haben diesen frischen Blick auf die Welt, sagt sie. Man ist ganz erstaunt, wenn man einmal versucht, mit den Augen der Seltsamen zu sehen. Die Welt ist für sie eine blank geputzte, vom grauen Schleier befreite. Wenn das Dorf in Langeweile schlummert, kommt unverhofft ein Seltsamer oder eine Seltsame herbei, weckt das ganze Dorf auf und bringt das Reden wieder in Gang. Die Leute würden immer dasselbe sagen oder schweigen, wären die Seltsamen nicht unter ihnen. Man verdankt ihnen viel: ein boshaftes oder herzhaftes Lachen am Tag, eine wärmende Reiberei mit der Nachbarin, weil diese gegen und die Großmutter für die Seltsamen ist, einen Stoff, mit dem man ein langweiliges Loch stopfen kann, die Entdeckung von neuen Wörtern in neuen Zusammenhängen, weite Gedankengänge, in die man sonst nicht geraten wäre, Spaziergänge an nicht bekannte Orte, die Begegnung mit dem eigenen Schatten, der einem ein bisschen fremd vorkommt, eine Zeit, die sich anders zusammensetzt als bloß aus Sekunden, Minuten und Stunden, eine Zeit, die zusammenschrumpfen kann auf einen einzigen, leuchtenden Punkt. Und die besonderen Gerüche.

Eine der «Seltsamen» ist Elsa. Sie wird zu einer guten Freundin der Grossmutter. An ihr kann man die Andersartigkeit deutlich erkennen. Elsa führt eine Beziehung mit Elvis. Elvis ist nur in ihrem Kopf, denn es handelt sich um Elvis Presley. Sie liebt ihn, und wenn er bei ihr ist, kann ihr nichts mehr passieren. Ihrer Meinung nach haben sich die Zeit & die Schwerkraft gegen sie verschworen. Allerdings lässt sie sich davon nicht betrüben. Im Gegenteil, Elsa ist immer auf der Suche nach dem Augenblick, in dem das Glück einen überwältigt. Wenn sie doch einmal traurig ist, zieht sie sich in ihren Kopf zurück. Sie kommt gut mit sich selbst zurecht. Sie kann neben sich sitzen und mit sich selbst dem Gras beim Wachsen zusehen. Sie sind ein gutes Team. Sie hat eine sehr bildliche Vorstellung von abstrakten Dingen wie z.B. der Angst.

Die Seltsamen wirken zu Beginn des Textes sehr seltsam. Da ihr Haus am Rande des Dorfes steht, wirken sie sehr abgeschottet. Doch im Verlauf des Romans kommt man ihnen näher. Durch die Gespräche mit der Grossmutter erfährt man mehr über sie und sie wirken nicht mehr seltsam. Ihre offene Art lädt ein, sie zu mögen, und es kommt einem vor, als wären sie die «Normalen» und vielmehr die grobschlächtigen Dorfbewohner etwas seltsam. Die Abnormalität der Seltsamen wird ebenfalls der Normalität der Tatsache, dass sie einen Namen tragen, entgegengesetzt. Die «Normalen» werden nie namentlich genannt, abgesehen von einigen Ausnahmen. Dadurch wirken die Dorfbewohner viel fremder und eigenartiger. Zwar will die Grossmutter der Langeweile des Dorfes entfliehen, dennoch verlässt sie es nicht. Das Dorf erinnert sie an den Grossvater, an die gute Zeit mit ihm. Das Dorf und die Träume sind die Welt der Grossmutter. Zu diesem Zeitpunkt ist das Dorf eine geschlossene Gemeinschaft für sich. Umgrenzt von dem Wald und den Bergen scheint es unheimlich, das Bekannte zu verlassen. Es ist das traute Heim für das Kind, das es nicht verlassen will. Doch das Kind wird älter und mit ihm verändern sich auch die Träume und Wünsche. Es träumt von einer Welt ausserhalb des Dorfes. Im Verlauf des Textes geht das Kind nur kurz und in Begleitung der Grossmutter über die Grenzen des Dorfes hinaus. Mit der Zeit wird das Dorf zu einer Art Gefängnis für das Kind. Alles um es herum erinnert es an den Bruder und es kann keinen Frieden finden. Verlassen kann es das Dorf allerdings auch nicht, denn die Grossmutter ist das Einzige, was ihm geblieben ist.

Josephine Kreis, Die normalen Seltsamen, zum vollständigen Text

Dort oben muss Tamangur sein…

Dort oben muss Tamangur sein, denkt das Kind. Doch die Leute dort oben kann man nicht sehen.

Manchmal, wenn eine Lawine den Berghang hinunterdonnert, wenn der Wind ein Gewitter bringt oder der Blitz in die Lärche auf der anderen Seite des Flusses fährt, das ist dann der Großvater, der es statthat, immer nur auf die Großmutter herunterschauen und auf seinen Seidenfüßen hin und her zu laufen, immer auf der gleichen Wolke. Er muss sich zu Tode langweilen. Es gibt dort keine Gämsen, die spielen wie die Kinder und die im Frühling auf dem Hintern die Schneehänge hinunterrutschen, um an die zarten Gräser zu kommen. Es gibt keine Dohlen in Tamangur, keine Sonntage, kein Weihnachten, keinen Braten, keinen Osterhasen, keine Ferien. Es ist als ob, sagt die Großmutter. 

Ob er immer auf der gleichen Wolke hin und her laufen muss oder ob er von einer Wolke auf die andere hüpft und wohin die Wolke mit dem Großvater geht, wenn man keine sieht, das weiß die Großmutter nicht. Tamangur ist das Paradies der Jäger, und der Großvater, auch er ein Jäger, hat es wahrlich verdient, in dieses Paradies eingelassen worden zu sein. 

Zu Beginn der zu untersuchenden Textpassage wird Tamangur erwähnt. Der abwesende Grossvater befindet sich dort. Tamangur wird als Paradies der Jäger bezeichnet.
Der wohl verstorbene Grossvater war ein Jäger. Vermutlich, da nirgends im Roman explizit erwähnt wird, dass er gestorben ist. Es wird nur gesagt, er sei nicht mehr da.Einen Ort als Paradies zu bezeichnen, lässt vermuten, dass es etwas Positives darstellen soll.
Denn das Paradies ist ein Ort der Ruhe, des Friedens und des Glücks.

Der Text widerspricht dieser Vorstellung, indem erwähnt wird, dass sich der Grossvater auf seiner Wolke zu Tode langweilt. Er müsse immer auf seinen Seidenfüssen, auf derselben Wolke hin und her laufen, heisst es. Zudem soll es in Tamangur keine Gämse geben, keine Sonntage, keinen Braten und generell keine Festtage.
Tamangur als Paradies der Jäger zu bezeichnen ohne Gämse, welche die Jäger erlegen könnten, ohne erfreuliche Dinge im Jahr, auf die man sich freuen kann, scheint wenig abwechslungsreich. Das Ganze wirkt nicht besonders paradiesisch.
Nach Meinung der Grossmutter hat es der Grossvater verdient, ins Paradies eingelassen worden zu sein. Diese Aussage ist eigenartig, da soweit ich das verstanden habe der Grossvater, wie aus den Erzählungen von der Grossmutter und dem Kind hervorgeht, sehr geliebt wurde von seiner Familie.Der Ort, an dem er sich nun aufhält, scheint nicht wirklich ein besserer Ort zu sein.

Daraus lässt sich schliessen, dass der Grossvater zum einen das Paradies verdient hat, andererseits von den Verbliebenen sehr vermisst wird. Ihre Trennung hält jedoch nicht für immer, eines Tages werden die Grossmutter und das Kind ebenfalls nach Tamangur gelangen und dann werden alle wieder zusammen sein.
Das Kind erkennt in den verschiedensten Naturereignissen den Grossvater.
«Manchmal, wenn eine Lawine den Berghang hinunter donnert, wenn der Wind ein Gewitter bringt oder der Blitz in die Lärche auf der anderen Seite des Flusses fährt, das ist dann der Grossvater, der es satthat, […]» (S.22 Z.3).
All diese Witterungen spiegeln Gefühle wider wie Wut oder Erbitterung. Im oben stehenden Satz wird «die andere Seite des Flusses» erwähnt. Der Fluss wird im Roman oft erwähnt, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen.

Dass der Grossvater nur auf einer einzigen Wolke umherläuft und die Grossmutter dem Kind nicht sagen kann, wo sich der Grossvater befindet, wenn keine Wolken am Himmel zu sehen sind, legt hingegen nahe, dass es sich bei «Tamangur» um etwas Unbekanntes handelt.
Etwas, worüber niemand Bescheid weiss und das keine eindeutigen Antworten geben kann.
Dadurch kommt die Vermutung auf, dass es sich bei Tamangur um das Jenseits handeln könnte. Daher auch die oben erwähnte Vermutung, dass der Grossvater schon verstorben ist. Zu Beginn des Romans ist der Grossvater der Einzige, der sich in Tamangur befindet. Mit der Zeit jedoch werden es immer mehr Personen, die dort hingelangen.

Elea Kühne, Die andere Seite, zum vollständigen Text

Der kleine Bruder verlässt das Kind, kurz nachdem er zur Welt kommt. Er ist der Inbegriff vom Etwas, oder eher vom jemandem, der hätte sein können, es aber niemals wurde. Klein und unschuldig ertrinkt «der kleine Prinz», wie die Mutter ihn nennt, im Fluss, vielleicht eine Anspielung auf die Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry, wo der kleine Prinz die Erde nur vorübergehend besucht, um dann wieder durch ein wundersames Portal ins All zu verschwinden.

Der kleine Bruder wächst schnell – transformiert sich – sodass das Kind seine zu kleinen Kleider für seine Puppe verwenden kann. Wie passend, dass er sich im vorbeirauschenden Fluss von der Erde verabschiedet. 

Zum Ableben der beiden gehören die Angst und die Erinnerung, die wie ein Hund in der Ecke schnaufen und sich mit der Dunkelheit über das Haus legen. Beide verbergen, geben nichts von der Umgebung preis, so ist auch der Tod für die Lebenden ein Rätsel, wie von Dunkelheit verborgen. Denn Angst ist oft das Gefühl, das sich angesichts des Unsicheren und Unbekannten im Menschen verbreitet. 
Die Angst tritt auf, wenn die Situation unvertraut ist: 

„Das war kurz nachdem das Kind zu den Grosseltern gekommen war.” 

Also auch erst kurz nachdem der kleine Bruder ertrunken ist. 
Da ist das Atmen des Hundes angenehm vertraut, lebendig. Durch das Schnaufen ist die Angst ist nicht mehr ganz so stark wie zu Beginn, langsam beherrscht sie das Kind immer mehr, bis es schliesslich so gut mit ihr umgehen kann, dass der Tod der Grossmutter hell erscheint. 

„Die Angst ist wie ein Jagdhund. Man muss sie gut behandeln, aber man darf sich niemals von ihr beherrschen lassen.“

Von diesem Merksatz lässt sich das Kind leiten. 

«An diesem Tag war der Himmel hell mit wenigen schwarzen Flecken, wird die junge Frau später sagen. Aber vielleicht habe ich ihn erst nachträglich hell eingefärbt.» 

 
Der Himmel war also schwarz, für die Lebenden betrachtet ist der Tod dunkel. Aber man kann ihn auch für sich einfärben, wie er für die Toten ist: Hell. 

Für das Kind ist er aber im Moment, nachdem der kleine Bruder stirbt, dunkel und unheimlich. Im Gegensatz zum vielen Stellen im Buch, wo die Elemente Wasser und Erde dominant sind, steht hier die Luft im Vordergrund.

Im Jenseits aus der Vorstellung von Leta Samadeni dominieren weder die Erde noch das Wasser. Es steht im Zeichen der Luft.

Das Jenseits als Ort der Stille und des Friedens ist die wahre Heimat. Denn selbst wenn der Mensch wie Grossvater und –mutter lange, oder nur kurz, wie der kleine Bruder, auf der Welt zu Besuch ist, selbst wenn er auf seiner Unterkunft “Erde” als “wahrer Weltbürger” weit umhergereist ist – seine wahre Heimat ist im Jenseits. 

“Das ganze Leben ist nur ein Versuch zurückzukehren…. nach Tamangur” 

Rina Nordmann, Zuhause in den Wolken, zum vollständigen Text

Im Wohnzimmer der Großmutter neben dem Fernseher steht ein altes Klavier mit zwei Kerzenhaltern, in denen zwei rote Kerzen stecken. Sie haben noch nie gebrannt, aber den Docht hat die Großmutter schon angezündet. Sie kann Kerzen nicht ausstehen, wenn der Docht noch unberührt ist. Früher, als sie jung war, hat sie gern gespielt, aber die Finger tun jetzt nicht mehr, was sie sollten. Die Noten liegen immer noch auf dem Stuhldaneben auf einem Stoß. Gnossienne steht zuoberst auf dem Notenblatt und etwas weiter unten zwischen den Notenzeilen…

„Munissez-vous de clairvoyance. Ouvrez la tête.“

Auf dieser Seite 30 geht es zuerst um die Gewohnheit der Grossmutter, den Docht der Kerzen anzuzünden, obwohl sie die Kerze gar noch nicht brennen lassen will. Sie mag keine unberührten neuen Dinge. Diese wirken sonst so unbelebt und teilnahmslos in ihrem Leben, welches sie vielleicht zu fest an ihren verstorbenen Mann erinnert, da dieser nun auch nicht mehr wirklich zu ihrem Leben gehört. Wenn sie die Kerzen anzündet, befreit sie sich so auch von der Last, ihn verloren zu haben. Das Ausblasen der Kerze danach versinnbildlicht den Herzschmerz um ihren Mann. Die Kerze ist nicht umsonst rot, denn eine rote Kerze steht in erster Linie für die Liebe zwischen Menschen, aber in zweiter Linie auch für den Verlust. So einen wie auch die Grossmutter erleiden musste, als ihr geliebter Ehemann starb.

Danach geht es um das Klavier, welches im Wohnzimmer steht. Grundsätzlich steht ein Klavier für die Weiblichkeit und die Lebendigkeit. Dies ist möglicherweise der Grund, warum die Grossmutter mittlerweile nicht mehr auf dem Klavier spielt, denn ihr Partner, dem sie ihre Weiblichkeit zeigen konnte, lebt nicht mehr. Und wem könnte sie ihre Weiblichkeit eher zeigen als ihrem eigenen Ehemann. Auch im Buch wird das so dargestellt, denn die Grossmutter sagt zum Kind, dass ihre Brüste eines Tages so gross werden, dass sie genau in die Hände des Mannes passen, den sie wirklich liebt. So wie die der Grossmutter genau in die Hände des Grossvaters gepasst haben. Mit dem Verlust des Grossvaters hat auch die Lebendigkeit in der Wohnung abgenommen und darauf will mit dem Nichtmehrspielen der Grossmutter ebenfalls hingewiesen werden. Es wird auf dieser Seite intertextuell auf Satie hingewiesen, auf das Stück Gnossienne.

Intertextualität ist die Beziehung eines Literarischen Werkes auf ein anderes, bestehendes. In diesem Fall wird jedoch nicht auf ein anderes literarisches Werk, sondern auf eine Klavierkomposition von Erik Satie hingewiesen. Er schrieb seine drei Werke im späten 19. Jahrhundert. Die Kompositionsform wurde von Satie selbst erfunden und er nannte sie «Gnossienne». Einige behaupten das Wort stammt von «knossos» oder «gnossos», eine Stadt in Griechenland, welche in der Zeit dieser Komposition ausgegraben wurde.

Gnossienne wird so mit dem Mythos von Theseus, Ariadne und dem Minotaurus verknüpft. In diesem Mythos hat der Held Theseus mit Hilfe der klugen Ariadne ihren Vater den König von Kreta, den Minotaurus, in einem Labyrinth in Knossos umgebracht. Zuvor hatte Theseus schon viele Heldentaten vollbracht, allerdings brauchte er, wie auch viele andere, um als König akzeptiert zu werden eine ganz besondere Legitimation. Oft ist dies eine herausragende Heldentat. Auch das Kind bräuchte so eine Heldentat, allerdings nicht um Königin zu werden, sondern um wieder von seinen Eltern aufgenommen und akzeptiert zu werden.

Was heißt das?, fragt das Kind.

Augen offen und Ohren spitzen, sagt die Großmutter.

Gescheiter Kerl, dieser Satie, sagt sie.

Das Notenblatt mit diesem Stück liegt zuoberst auf einem Stapel voller Notenblätter, welche neben dem Klavier auf einem Stuhl liegen. Hier wird wieder auf die Unordnung der Grossmutter hingewiesen. Denn warum liegen die Notenblätter noch da, wenn sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf dem Klavier gespielt hat? Die Dinge würden in Vergessenheit geraten, wenn die Grossmutter sie alle wegräumen würde. Auch den Grossvater würde sie mit der Zeit vergessen. Ebenfalls würde das Wohnzimmer ansonsten so unberührt und teilnahmslos wirken, was sie verhindern möchte.

Ein grosser Unterschied zwischen dem Tod des Grossvaters und dem des Bruders ist, dass der Tod des Bruders vergessen und verdrängt werden will. Der Tod des Grossvaters allerdings nicht, man möchte sich weiterhin an den Grossvater erinnern und an ihn denken. Logischerweise auch, weil für den Tod des Bruders jemand verantwortlich war, es war ein tragischer Unfall. Beim Grossvater war das allerdings ganz anders. Er ist in Würde von dieser Welt gegangen und wurde in dem Paradies Tamangur aufgenommen. Leider nicht so wie der Bruder, der nun im Schwarzen Meer seine endlose Zeit verbringt.

Die im Diesseits verbliebenen Figuren sind die Enkelin, als wissbegieriges kleines Kind, und die weise, alte Grossmutter, welche die Fragen des kleinen Kindes beantworten kann und ihm Ratschläge gibt.

Diese Passage spielt im Wohnzimmer der Grossmutter. Obwohl es keine Figurenwege gibt, kann man trotzdem einem Weg von der Mitte des Wohnzimmers zum Klavier, bis zu den Notenblättern und in die Notenblätter hinein folgen, dadurch, dass die Worte aus Gnossienne analysiert werden.

Es wirkt sehr friedlich in diesem Kapitel, die Stimmung ist angenehm ruhig und überhaupt nicht hektisch, als hätten beide den ganzen Tag nichts Wichtiges mehr zu erledigen. Alle Anspannung fällt weg. Die Grossmutter wirkt nostalgisch. Vielleicht denkt sie während dieser Seite auch ab und zu an den Grossvater, obwohl dieser nirgends erwähnt wird.

Viele traditionelle Dinge kommen in diesem Kapitel vor, beispielsweise die Kerzen, das alte Klavier und die alten Notenblätter von Satie. Allerdings werden noch weitere traditionelle Dinge auf den Seiten dieses Buches erwähnt, wie die Jagdtrophäen. Vielleicht schwebt also nicht nur die Grossmutter in ihrer Nostalgie, sondern auch die Autorin beim Schreiben?

Farben spielen in diesem Buch eine zentrale Rolle, oft wird von den Farben Schwarz und Rot gesprochen, schon auf der ersten Seite werden diese beiden Farben einige Male erwähnt.

Auch von der Farbe Schwarz ist oft die Rede, sie symbolisiert aber nicht nur das Ende, sondern bietet auch Schutz vor emotionalem Stress und auch dieser kommt in diesem Buch oft vor. Der emotionale Stress mit dem Verlust der geliebten Männer muss riesig sein und damit umzugehen sehr schwer. Denn auch die Trauer wird durch die Farbe Schwarz symbolisiert. Vom Ende wird oft gesprochen. Der Tod nimmt in diesem Buch einen sehr grossen Platz ein. Aber nicht nur negative Gefühle werden mit schwarz in Verbindung gebracht, man zieht mit dem Verzicht auf Buntheit nämlich die Sachlichkeit und die Funktionalität der Dinge in den Vordergrund. Schon früh hatte die Grossmutter mit der Farbe Schwarz zu tun, denn in ihrer Jugend gab es viele schwarze Dinge, beispielsweise den schwarzen Konzertflügel, der die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen will und einfach elegant dasteht.

«Neben dem Fernseher steht ein altes Klavier mit zwei Kerzenhaltern», mit diesem Satz wird, wie auch an vielen anderen Stellen im Buch neu und alt verglichen, denn die Junge Enkelin steht der alten Grossmutter gegenüber, genauso wie hier der moderne Fernseher neben dem alten Klavier und die beiden Kerzenhalter stehen für die zwei Verstorbenen aus ihrer Familie. Diese Anordnung von Objekten erinnert an das vanitas-Motiv aus der holländischen und französischen Malerei – und führt so in ein vielschichtiges Kunst-Lese-Erlebnis.

Im Allgemeinen ist diese Seite von grosser Bedeutung für das Buch, für das Verhältnis zwischen der Grossmutter und dem Kind, denn die Grossmutter beschützt das Kind während der Geschichte und zieht es auf. Auf dieser Seite wird das noch einmal klar, denn sie gibt dem Kind einen weisen Ratschlag: «Augen offen halten und Ohren spitzen».

Lena Regez, Die Kerzen der Verarbeitung (leicht gekürzt)

Wenn die Maus den Traum stört…

von Juliette Weisskopf, leicht gekürzt

In Tamangur haben Träume wichtige Bedeutungen. Sie helfen dem Leser zu verstehen, was sich hinter der Geschichte verbirgt. Träume sind ein häufiges Motiv. In diesem Kapitel fehlen sie aber gänzlich. Dies bedeutet, dass es hier keinen direkten Bezug zum Grossvater gibt. Die Grossmutter träumt oft vom Grossvater, um ihn in Erinnerung zu behalten und sich zu vergewissern, dass er nicht in Vergessenheit gerät.

Es wird erwähnt, dass die beiden unruhig schlafen. Vielleicht haben sie wirre Träume, von welchen nicht berichtet wird, weil sie nicht das zentrale Thema dieser Passage darstellen.

Im Zimmer ist ein ganz kleines Geräusch zu vernehmen, so als wäre da irgendwo ein Kätzchen, das sich das Fell leckt und sich putzt.

Hier erfahren wir also, wieso die beiden nicht schlafen können. Sie werden von einem fremden Geräusch gestört. Wäre ihnen das Geräusch vertraut, würden sie dadurch nicht aufgeweckt werden. Bekannte und vertraute Geräusche, welche man jeden Tag hört, blendet man mit der Zeit aus. Es handelt sich um ein unbekanntes Geräusch, um einen möglichen Eindringling.

Jemand ist unerlaubt in das Haus eingedrungen. In diesem Fall ist es eine Katze. Die Grossmutter und das Kind besitzen jedoch keine Katze. In Tamangur kommt dieses Phänomen häufig vor. Das Innen vermischt sich mit dem Aussen. Katzen sind dabei gute «Sprung-Tiere».  Im Sinne: Sie wohnen in einem Haus drinnen, gehen aber nach draussen und manchmal auch in fremde Häuser.

Leta Semadeni hat mit den Worten: ein ganz kleines Geräusch eigentlich schon aufgedeckt, dass es sich um ein kleines Tier handeln muss. Eigentlich wäre es passender zu sagen: Ein leises Geräusch. Aber auf diese Weise teilt sie mit uns einen kleinen oder einen leisen Hinweis. Ist es also wirklich eine Katze?

Bei diesen Worten fällt das Gesehene mit dem Gehörten synästhetisch zusammen: Ein kleines Geräusch.

In den folgenden Zeilen werden wir weiter aufgeklärt mit den Worten:

Dann ist es eine Weile still. Die Grossmutter meint, es sei vielleicht nur eine Fliege, die ihr Leben aushaucht und beide schlafen wieder ein.

Es taucht ein neues Tier auf. Die Fliege. Hier wird der Leser mit dem Tod konfrontiert. Aushauchen bedeutet: man atmet etwas aus. Man haucht etwas aus. Wenn hier also steht, dass eine Fliege ihr Leben aushaucht, dann meint Leta Semadeni damit, dass sie am Sterben ist.  Trotz dieser Düsterheit schlafen beide wieder ein. Vielleicht weil sie beide schon zu oft mit dem Tod konfrontiert worden sind. Eine Fliege ist ein kleines Tier. Meine These erhält in diesem Punkt also ansatzweise Zustimmung. Es fehlt aber noch die Bestätigung.

Es ist ein unruhiger Schlaf, aus dem das Kind immer wieder erwacht und das kleine, beunruhigende Geräusch hinter der Kommode hört; und nach dem Frühstück bringt es die Grossmutter dazu, die Kommode zu verschieben. Dort liegt nahe an der Wand eine winzige, tote Maus, und das Kind beginnt zu weinen. Es hat stundenlang dem Sterben der Maus zugehört, ohne etwas zu tun.

Der Text wiederholt die Worte kleines Geräusch. Das Kind kann weiterhin nicht ruhig schlafen. Die Ungewissheit beschäftigt das Kind so sehr, dass es die Grossmutter überredet nachzusehen. Es ist eine Maus. Seit dem frühen Morgen haben die beiden der sterbenden Maus zugehört, ohne etwas getan zu haben. Natürlich fühlt sich das Kind mitschuldig. Wenn man bei einem Geschehen oder einer Tat einfach wegschaut, ist es dasselbe, wie wenn man dieses unterstützt. Das Kind fragt sich wahrscheinlich, ob es die Maus hätte retten können. Es fühlt sich allein gelassen mit dieser Bürde.

Das bringt mich allmählich zum Allgemeinen. Ich beziehe jetzt mein «Close-Reading» auf den gesamten Romaninhalt. In der ganzen Geschichte bleiben sehr viele Einzelheiten ungesagt, Probleme nicht angesprochen, ungeklärt. Es gibt viele Leerstellen. Aus dem vielen Ungesagten ergibt sich jedoch ein stimmiges, poetisches Bild. Aber es ist nicht nur das Indirekte. Die Geschichte gibt auch eine genaue Erzählung wieder. Dies kennzeichnet auch meine Textstelle. Sie besteht aus einer Mischung von geheimer Poesie und einer genauen Erzählung.

In Tamangur verwandelt sich der Bruder in einen Fisch (und nicht zurück). Die Grossmutter hat dies dem Kind erzählt, damit es mit dem Verlust besser zurechtkommt. Die Aufsichtspflicht für den Bruder lag zu diesem Zeitpunkt – faktisch, nicht juristisch natürlich – in den Händen des Kindes.

Auf der Seite 46 wird von einem Traum berichtet, in welchem der Bruder auf einer Regenbogenforelle reitet und lacht. Es wird aber auch von einer Kehrseite gesprochen. Das Kind habe den Sonnenschein der Mutter ausgelöscht. Die Mutter kann dem Kind die grausame Tat, den Bruder nicht gerettet zu haben, nicht verzeihen. Die Grossmutter bringt jedoch diese Kraft auf. Dies ist auch der Grund, wieso das Kind bei der Grossmutter lebt. Diese tragische Geschichte geht dem Leser unter die Haut, mir ganz besonders.

Ich kann das, was das Kind ein Leben lang durchmacht, gut nachvollziehen. In meiner Familie gab es genau diese Tragödie. Meine Urgrossmutter ging mit ihrer kleinen Schwester eislaufen auf einem gefrorenen See. Die kleine Schwester brach durch das Eis in den See ein und ertrank. Die Mutter der beiden Mädchen kam nie über den Tod ihrer Tochter hinweg und hat das Unglück meiner Urgrossmutter nie verziehen. Sie bezichtigte meine Urgrossmutter der Schuld und meinte, dass es die falsche Tochter getroffen hatte.

Wie sollte ein Kind ein anderes Kind vor dem Ertrinken retten, ohne sich selbst zu gefährden? Das Kind in Tamangur hat das Erlebnis mit dem kleinen Bruder verdrängt. Tief in seinem Innern ist es abgespeichert und hat das Kind geprägt. Auf spezielle Weise zeigen dies die Träume des Kindes. Unverarbeitetes, was in unserem Unbewussten gespeichert ist, kommt durch plötzliche Reaktionen z.B. eine Abneigung oder eben durch Träume wieder zum Vorschein. Wenn also Vorfälle eintreffen wie das Erlebnis mit der toten Maus, kommen die unverarbeiteten Emotionen des Kindes aus dem Verborgenen hoch. Es fühlt sich schuldig und tief im Innern fühlt es sich vielleicht auch beschämt. Durch den Tod des Bruders hat es nicht nur einen Bruder verloren, sondern auch die Mutter. Eine Mutter liebt, beschützt, unterstützt. Doch genau diese Eigenschaften weist die Mutter des Kindes nicht mehr auf. Diese Rolle übernimmt die Grossmutter. Auf den Leser wirkt dies bewundernswert. Die Grossmutter hat ebenfalls einen Enkel verloren, ist aber genügend stark, um ihre Enkelin grosszuziehen. 

Mit der Maus ist eigentlich genau dasselbe passiert. Der Unterschied liegt darin, dass es sich beim einen um ein menschliches Wesen, den Bruder und beim andern um ein Tier, eine Maus, handelt. Aber in beiden Fällen ist das Kind hilflos daneben gestanden und hat dem Bruder und der Maus beim Sterben zugesehen. Die Grossmutter versucht also dem Kind weitere schlimme Erlebnisse mit dem Tod zu ersparen.

Das Kind hat sehr viele glückliche Erinnerungen an den Grossvater. Dafür schlechte Erinnerungen an die Mutter. Wie schon erwähnt, glaubt das Kind den Sonnenschein der Mutter erloschen zuhaben. Sonnenschein steht für Belebtheit, fröhlich sein und lachen. Das Kind hat also der Mutter die Fröhlichkeit und Lebensfreude genommen. Von Erinnerungen und Erlebnissen mit dem Bruder wird aber nicht berichtet. Die Abwesenheit des Bruders bleibt als Motiv bestehen.