Wir freuen uns sehr, dass sich nach unserer Lektüre zweier Gegenwartsromane beide Autorinnen – Leta Semadeni, die Verfasserin von Tamangur, und Jenny Erpenbeck, deren Roman „Wörterbuch“ etwas später in diesem Blog ebenfalls beleuchtet wird – freundlicherweise bereit erklärt haben, sich zu einigen motivorientierten Interpretationen der 2d zu äussern und ins Gespräch zu kommen. Die Lektüre der hier veröffentlichten Ausschnitte bildet dazu die Grundlage. Teile beider Gespräche werden wir aufzeichnen und später hier veröffentlichen.

Hier der Romananfang von Tamangur, Fortsetzung folgt bald.

Es ist Mittag, die Glocken läuten die Straßen sind schon leer. Aus den Ritzen unter den Füßen quillt der Teer. Das Kind bückt sich, klaubt etwas von der schwarzen Masse mit dem Zeigefinger heraus, bewegt den Zeigefinger schnell in der Luft hin und her, um den Teer abzukühlen, steckt ihn sich in den Mund und beginnt zu kauen, während es die steile Gasse hinaufläuft, schnell, mit gesenktem Kopf…

Tagträumen und in Gedanken schwelgen. Das tut das Kind während des Spazierens durch die Gassen des Engadiner Bergdorfes. Es sind die Geschehnisse der Seite 5 des Romans Tamangur, also dem Einleitungsabschnitt. Während es träumt, kaut es auf einem Stück Teer herum.

Es schwebt in Gedanken und ignoriert die reale Welt, bis eine Ziege vorbeigeht und es aus dem Sinnieren herausreisst. Die Enge des Dorfes zwingt die Bewohner manchmal dazu, in Geschichten zu versinken.

Die vorgestellte Welt ist ein zentrales Motiv dieses Romans.
Jene Ziege bildet ein Bindeglied zur realen Welt und das freigelassene Ohr ist der offene Türspalt zur Realität. Menschen in diesem Ort ziehen sich oft in eine Gedankenwelt zurück.

Sie fühlen sich gefangener als Tiere und das obwohl diese im gleichen Dorf leben, dieselbe Luft atmen und die gleichen Gassen kreuzen wie sie. Dann stimmt doch da etwas nicht. 

Wo träumen nicht hilft, bleibt die Erinnerung: Die Erinnerung ist weit weg von der Wahrheit, sagt die Grossmutter, aber sie macht glücklich. Ausserdem berichtete sie immer wieder von Reisen, die sie erlebt hat und an die sie sich so gerne erinnert. Denn die heutige Realität passt ihr nicht mehr. Sie wäre lieber nicht mehr in diesem Dorf. Durch das Träumen kann die Grossmutter die Grenzen des kleinen Dorfes überwinden. David Ankli, Tal der Träumer

 „…Ist die Bank leer, so setzt sich das Kind dorthin und überlegt, welche Geschichten die Bank gehört hat. Die Sitzfläche ist vielleicht noch warm, und das heißt, dass jemand kurz davor dort saß und Zeit hatte, der Bank Lügen zu erzählen. Darum heißt die Bank Lügenbank.
Das Kind streicht mit dem Finger durch die Rillen und Ritzen im Holz, ein Hund oder eine Ziege spazieren vorbei auf der Hauptstraße, die um diese Zeit in der Sonne flirrt und nach Teer stinkt.
Warum die Ziege ohne Glocke immer allein unterwegs ist, weiß man nicht. Ist sie verloren gegangen in den Gassen? Es ist, als würde sie ständig auf der Suche sein nach irgendetwas.
Manchmal ist das Kind unglücklich wegen der vergeblichen Suche der Ziege. Es kann den fremden Kummer nicht auf Abstand halten. Auf der anderen Seite des Flusses verschwindet ein Seitental zwischen den Bergen. Der Großvater hatte dem Kind erzählt, dass dort Schneehasen und Schneehühner und andere Wesen und Pflanzen wohnen, die die Fähigkeit haben, ihr Kleid der Umgebung so genau anzupassen, dass man sie nicht mehr sieht…“

“ Das Herz der Großmutter ist ein großer Wald mit dichtem Gestrüpp, mit himmelhohen und niedrigen Bäumen, mit vielen Sträuchern. Man kann darin spazieren gehen oder sich darin verirren.

Da gibt es auch Lichtungen, die sich wie eine Überraschung öffnen. Ein Schritt, und das Kind steht plötzlich im Licht, über ihm der Himmel, die weichen Wolkenkissen, die Sonne. Da ist die Großmutter ein Engel, der jeden Wunsch erfüllt.

Sie hüpft durch die Wohnung, nimmt das Kind bei der Hand, läuft mit ihm in den Schuhladen und kauft ihm plötzlich die roten Ballerinas, die es sich schon lange wünscht.

Ein anderes Mal wird das Kind ins Gestrüpp gejagt, es zerkratzt sich die Füße und die Beine, die Äste schlagen ihm ins Gesicht, es hockt sich ins Dunkel und zittert vor der Großmutter, die zur Hexe wird.

Ohne es zu wollen, hat das Kind eine böse Erinnerung in der Großmutter wachgerufen; im falschen Moment hat es die falschen Töne auf dem Klavier angeschlagen.

Und es hasst die Großmutter mit seiner ganzen Kraft. Wie sie die Lippen zusammenpresst, weil sich in ihrem Mund ein ganzer Klumpen von bösen Wörtern gebildet hat. Das Kind kennt diese schmalen Lippen, es muss auf der Hut sein in solchen Momenten, es verkriecht sich ins Unterholz, bis sich der Mund wieder entspannt.

Der große Klumpen darf nicht entwischen. Es gibt Töne und Wörter, die schlitzen einem das Herz auf, besser als jedes scharfe Messer. Da ist es ratsam, eine Weile im Unterholz zu verschwinden und ganz leise zu sein. „

Hier wird die Grossmutter aus der Sicht des Erzählers beschrieben. Ihr Herz wird mit einem Wald verglichen, welcher zu einer Lichtung, zu stechendem Gestrüpp und zu einer Hexe werden kann oder zu einem Engel. Das sind alles Anspielungen auf den Zustand der Grossmutter. Eine Lichtung bietet Sicherheit oder man fühlt sich wohl. Ein Gestrüpp, welches die Füsse oder Beine zerkratzt, steht für die schlechten Erinnerungen des Kindes mit der Grossmutter, die wie Narben von kratzigem Gestrüpp bleiben. Die Grossmutter liebt das Klavier, darum wird sie auch zur boshaften Hexe, wenn das Kind eine falsche Taste drückt. Das Kind hat solche Situationen schon einmal erlebt, darum weiss es auch, dass es sich in solchen Momenten «ins Unterholz verkriechen soll». Das Kind verkriecht sich vor den bösen Wörtern und Tönen der Grossmutter, sonst schlitzen sie das Kind wie mit einem scharfen Messer auf. Im späteren Verlauf von Tamangur kommen solche Situationen zwischen dem Kind und der Grossmutter vor. Ein gutes Beispiel ist das Taschenmesser mit Namensschild, welches dem Grossvater gehört und dem Kind aus der Windjacke fällt. Die Reaktion der Grossmutter ist nicht erfreulich und das Kind «kehrte erst am Abend zurück». Der Engel ist pessimistisch zu interpretieren, weil Engel im Himmel sind, mit anderen Worten nicht auf der Erde leben, genauso wie die Grossmutter am Schluss des Romans, als sie vor den Augen des Kindes in den Himmel fliegt.

Es stechen zwei bekannte Motive ins Auge. Einerseits der Topos Wald, andererseits die Anspielungen auf Märchen. Eine Hexe im Wald wie bei Hänsel und Gretel oder die roten Ballerinas, die an das Rotkäppchen anlehnen. Diese Märchenanspielungen bringen den Leser und das Kind öfters zum Nachdenken

Emanuel Fabbri, Schritte aus dem Wald heraus. Zum vollständigen Text

“ Als das Kind noch bei den Eltern lebte, leistete Carlotta ihm Gesellschaft. Die Puppe hatte Haare aus Schaffell, eine Haut aus grober Jute, und sie war gefüllt mit Stroh. Es piekte, wenn man sie herzte. Aber das Beste an ihr: Sie war so groß wie der kleine Bruder. Darum hatte Carlotta immer eine grosse Auswahl an Strampelhöschen, Pullöverchen, Jäckchen, Söckchen, kleinen Schuhen und so weiter zur Verfügung, denn der kleine Bruder wuchs sehr schnell. Ad ögl vezzond, sagte die Mutter – was so viel bedeutete wie: Wenn du einen ganzen Tag still sitzen würdest, dann könntest du sehen, wie er wächst. Das Gesicht von Carlotta war auf die Jute gemalt. Die Puppe schielte ganz leicht auf dem linken Auge, genauso wie das Kind, und die nicht vorhandene Nase war mit gemalten Sommersprossen, Märzendreck genannt, nur angedeutet. Die Nase des Kindes war ebenfalls voller Flecken, die auch durch heftiges Schrubben mit Schmierseife, nicht verschwinden wollten. Die Tatsache, dass Carlotta leicht schielte und Märzendreck auf der Nase hatte wie das Kind, verband die beiden. Es fühlt sich solidarisch mit ihr, weil sie außerdem auch ziemlich hässlich war. „

«Mach mir auf, mach mir auf!

Königstochter, jüngste,

weißt du nicht, wie du gesagt,

als ich in dem Brünnchen saß,

du wolltest auch mein Schätzchen seyn,

gäb ich dir hell, hell Wässerlein.

An jenem fernen Morgen hatte die Aufregung das Kind früher als sonst aus dem Schlaf gerissen. Es spitzte noch mit geschlossenen Augen die Ohren, doch unter dem Kissen war alles still. Vorsichtig hob es den linken Zipfel hoch. Der kleine Frosch schlief ganz fest, lag mit gestreckten Beinen da, und auch als das Kind ihm einen Stups mit dem Zeigefinger verpasste, bewegte er sich nicht, es wollte noch nicht wach werden.

Dann, als das Kind am Abend wieder ins Bett stieg, war der verzauberte Prinz nicht mehr da. Die Mutter hatte strengstens verboten, Tiere mit ins Bett zu nehmen, vom verzauberten Prinzen verstand sie nichts. Es war der Vater gewesen, der ihr die Geschichte erzählt hatte. Der Frosch blieb verschwunden.
Hatte die Mutter ihn ins Freie gejagt? Oder hatte sich der Frosch, während das Kind schlief, in den Prinzen verwandelt, der nun irgendwo auf der anderen Seite des Flusses, in der Waldlichtung oder unten am Ufer beim Elefanten-Felsen zwischen den Berberitzen ungeduldig auf es wartete?

Auf dieses Gedicht folgt die Erzählung eines Kindes, das eines Morgens einen schlafenden Frosch auf dem Boden liegen sah. Als es am Abend zu Bett ging, sah es den Frosch nicht mehr. Es erinnert sich daran, dass die Mutter verboten hatte, Tiere mit ins Bett zu nehmen und nichts vom verzauberten Prinzen verstand. Der Vater hatte diese Geschichte dem Kind erzählt. Schliesslich endet der Text mit vielen Fragen. Einerseits fragt sich das Kind, ob die Mutter den Frosch ins Freie gejagt hatte und andererseits, ob sich dieser vielleicht in einen Prinzen verwandelt hatte und wie im Gedicht auf die Königstochter irgendwo wartete beziehungsweise sie sehen wollte.

Was hätte es, ein kleines Mädchen, tun können? Der Fluss war so stark, und beinahe wäre es selber auch mitgerissen worden. Es hatte gerufen, geschrien.

Dieser Satz lässt vermuten, dass das Kind jemanden retten wollte. Jemanden, der vom Fluss mitgerissen wurde. Das Hervorheben von «ein kleines Mädchen» verdeutlicht die Unschuld des Kindes, das zwar alles versucht hat, aber schlichtweg zu schwach war. Wenn man auf der nächsten Seite weiterliest, erkennt man, um wen es sich bei diesem jemanden handelt, um den kleinen Bruder. «Still und klein, immer kleiner, mit einer verstörenden Selbstverständlichkeit, ohne sich im Geringsten zu wehren…» zeigt, dass der kleine Bruder womöglich noch ein Baby war, als er in den Fluss fiel und verloren ging. Hier könnte man den Bogen zum Prinzen auf der Seite 15 schlagen.

Dieser kommt nach der Verwandlung des Froschs zum Vorschein, dabei wird aus einem Tier ein Mensch. Der Bruder gleicht aber einem Fisch, aus einem Menschen wird also ein Tier. Auf die Frage des Kindes, wohin denn der Fluss führt, hatte die Grossmutter «ins Schwarze Meer» geantwortet. Tatsächlich gibt es im Dorf Tamangur in Scuol einen Fluss «Clemgia», der in den Inn, später in die Donau und zuletzt ins Schwarze Meer fliesst. Wie bereits vorhin schon erwähnt, ist die Wasserwelt, hier durch den Fluss und das Schwarze Meer vertreten, ein zentrales Motiv in der ganzen Geschichte. In dieser wird gleich auf der nächsten Seite der Bruder wieder erwähnt. Das Kind fantasiert darüber, wieso denn die Milchstrasse Milchstrasse heisst. In seiner Fantasie bildet die Milch einen weissen Fluss, der die Ziege gleich wie den kleinen Bruder mitreisst. Auch die Ziege wird in das Schwarze Meer getrieben, wo der Bruder ist. Das Kind ist erleichtert, dass die Ziege nicht allein ist.

Amire Jakupi, Von Märchen und Alpträumen, zum vollständigen Text