Teil II – Wörterbuch von Jenny Erpenbeck

In dem 2004 veröffentlichten Roman Wörterbuch von Jenny Erpenbeck geht es um eine junge Frau, die erfahren hat, dass ihre Eltern ihre Adoptiveltern sind und während des militärischen Regimes ihre leiblichen Eltern haben umbringen lassen. Der Schock des Mädchens sitzt tief. Zur Aufarbeitung lässt sie ihr ganzes Leben noch einmal Revue passieren.Erst im Laufe der Lektüre wird klar, dass die Erzählerin, die „wissende“ junge Frau ist, welche sich und uns in die Zeiten ihrer manipulierten Kindheits-Lernprozesse zurückversetzt.

Wörterbuch hat keine leicht nachzuvollziehende Handlung. Es ist kein in sich geschlossenes Ganzes. Es gleicht eher einem Puzzle, bei dem man sich die fehlenden Teile herbeideuten muss.

Das Mädchen wird von ihren Eltern manipuliert. Sie wird im Buch immer verniedlicht dargestellt, wenn man jedoch zwischen den Zeilen liest, kommt man sehr schnell darauf, dass nicht alles so schön ist, wie es dargestellt wird. Zum Beispiel:

Die Mutter bringt das Mädchen fürsorglich zu Bett und singt mit ihr ein Gute-Nacht-Lied.

Die harmlosen Näglein (Nelken) aus dem Lied verwandeln sich in der von Angst besetzten Vorstellung des Mädchens in spitze Näglein und werden, wie zuvor schon Ball und Auto, aber auch Vater und Mutter aus ihr herausgerissen und umgekehrt wieder eingesetzt. Neutrale Objekte werden zu bedrohlichen Dingen, die ein widerspenstiges Eigenleben entwickeln und sich den kindlichen Bedürfnissen nach Sicherheit und Geborgenheit widersetzen.

Das Mädchen lebt mit ihren Eltern in Argentinien in einem rosafarbenen Haus.

Der Putz bröckelt ab und die Farbe ist verbleicht. Sie beschreibt das Haus als seelenlos und stellt sich vor, dass die Tür auf sie drauffällt. Alles Anzeichen dafür, dass das Familienleben, welches sie beschreibt, tief im inneren komplett beschädigt ist. Wie weit, erfährt man erst im Verlaufe des Buches.

Der Putz bröckelt ab und die Farbe ist verbleicht. Das Mädchen beschreibt das Haus als seelenlos und stellt sich vor, dass die Tür auf sie drauffällt – alles Anzeichen dafür, dass das Familienleben, welches sie beschreibt, tief im Inneren komplett beschädigt ist. Wie weit, erfährt man erst im Verlaufe des Buches.

Dank der leitenden Funktion des Vaters bei einer Art Geheimpolizei, in einem grossen weissen Haus, das aussieht, als wären die Fenster aufgemalt und, wie sie schreibt, als ob «alles drinnen bleibt, was nicht rausgehört», kann sich die Familie eine Aufwartefrau und eine Amme leisten.

Es war die Amme, die dem Kind die Brust gegeben hat. Die Amme wurde zur wichtigsten Bezugsperson des Mädchens. Sie trank noch von ihren Brüsten als sie schon zur Schule ging. Die Mutter sieht die Amme als grosse Konkurrentin, weshalb sie sie entliess. Drei Tage blieb das Mädchen stumm, bis ihre Mutter nachgab und sie wiedereinstellte. Daraus lässt sich schliessen, dass die Amme für das Mädchen einen höheren Stellenwert hat als ihre eigenen Eltern. Sie sieht in der Amme eine lebenserhaltende Funktion.

Das Trinken von den Brüsten der Amme kann man auch als indirekten Hinweis auf die erst später im Buch erwähnte Difunta Correa auffassen, die auf dem Weg durch die Wüste stirbt, während ihr Kind durch die nährende Milch ihrer Brust überlebt.

Die Amme und ihr Kind sind für das Mädchen im Vergleich zu ihrer Familie rein und unschuldig. Sie beschreibt die Amme auch immer wieder als Fee mit Feenbrüsten.

Im Buch schreibt sie, ganz egal was sie macht, Amme und Tochter sind im Gegensatz zu ihr immer sauber.

Am Beispiel ihrer klebrigen und staubigen Hände zeigen sich die Zweifel, welche an der Erzählerin und ihrer kindlichen Unschuld nagen. Sie versucht, diesen Makel loszuwerden, indem sie sich vor dem Zubettgehen die Hände mit einem Radiergummi sauberradiert.

Die ganze Kindheit verbringt das Mädchen mit der Amme. Da in Argentinien die Gewaltrate sehr hoch ist und ihre Eltern entsprechend «Angst» um sie haben, darf sie nirgendwo alleine hin.

Die Schule, in die das Mädchen geht, ist eine strenge Militärschule. Jeden Morgen gibt es einen Fahneneinmarsch mit anschliessendem Fahnehissen. Alles ist schön geordnet. Jeder steht in der Reihe. Es gibt keinen Platz für Unordnung, Lärm oder Gewalt. Alles läuft strikt nach Plan. Sie schreibt alles was schief ist, das Rennen, Schlenkern, Schieben, Lehnen, Fallen, Herumwirbeln und Springen wird von uns abgeschnitten, irgendwo hingebracht, wo es für uns nicht erreichbar ist, und dort verschrottet.

Das Mädchen braucht viele Wörter, die Gewalt ausdrücken. Sie schreibt auch viel über Schüsse, die fallen. Am Beispiel, bei dem zwei Schüsse fallen und sie und ihre Freundin jubeln, weil die Schwester und ihr Freund nun vereint im Himmel sind. Es erlebt also in jungen Jahren schon sehr viel Schrecken und Leid, versucht das aber zu verdrängen und alles schönzureden.

Die Amme geht oft mit dem kleinen Mädchen spazieren und erzählt ihr viel über die Geschichten und Sagen des Landes. Unter anderem auch über die Difunta Correa. Die Difunta wollte der Legende nach mit ihrem Säugling ihren Mann im Gefängnis besuchen. Den langen Weg durch die Wüste überlebte sie nicht. Als sie nach ein paar Tagen gefunden wurde, lag der reglose Körper am Boden. Der Säugling jedoch lebte. Er trank von der Brust der toten Mutter und überlebte so.

Diese Geschichte war der Grund, warum die Menschen in Argentinien die Difunta verehren. Sie ist die Schutzheilige der Reisenden und verkörpert der Legende nach das perfekte Frauenbild: Das einer treuen Frau, die ihrem geliebten Manne folgt, und das einer sich aufopfernden Mutter. Difunta Correa Cobradora heisst übersetzt so viel wie Kassiererin.

Sie kassiert für ihre Dienste. Wer etwas von ihr will, muss bereit sein, grosse Gaben zu geben. Die Geschichte der Difunta Correa interessiert das Mädchen stark. Immer wieder will sie etwas Neues über sie erfahren und die Amme zum Erzählen bringen.

Julia Saladin, Plastiktüte im Hitzewirbel, Teil 1

Wahrheit die im Dunkeln schleicht

Das Schicksal der Protagonistin ist alles andere als schön, ihre guten Gedanken und Erinnerungen
scheinen aus den beängstigenden Erinnerungen herausgefiltert zu sein 
Doch wie bei einem Filter auch kommt es immer wieder vor
dass einige Teilchen dennoch hindurchdringen können
und so ist es auch in ihrer Erinnerung
Immer wieder nennt sie Wörter
die an der Fassade der
unbeschwerten
Kindheit
rü
tt
el
n
.

Rahel Berhanu

Hier ist ein Vogel gegangen , sagt mein Vater, er hat sich zu mir gehockt und zeigt auf ein paar sternförmige Kratzer in der dunklen Erde am Rand unseres Gartens, im Schatten unter den Bäumen, da, wo kein Gras wächst. Kommt ein Vöglein geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß, trägt ein Brieflein im Schnabel. Was ist eine Spur, frage ich meinen Vater. Etwas, das kein Zufall sein kann, antwortet mein Vater. Aber dann muss man ja, sage ich, bevor man weiß, was kein Zufall sein kann, alles andere wissen. Wahrscheinlich, sagt mein Vater. Und was ist dann mit der doppelten Zeit, frage ich, die so eine Spur hat. Was für eine doppelte Zeit, sagt mein Vater. Die Zeit, sage ich, in der der Vogel gegangen ist, und die zweite Zeit, in der wir davon erfahren, dazwischen ist doch die Spur so eine Art Brücke. Vielleicht, sagt mein Vater. Aber wenn man endlich so alt ist, dass man den Zufall von allem anderen unterscheiden kann, ist man wieder zu schwer, um über die Brücke zu gehen. Nein, sagt mein Vater, das ist Unsinn, und macht mit einem Stöckchen neben die sternförmigen Kratzer sternförmige Kratzer.Mein Vater arbeitet Tag für Tag in einem Palast, der von außen vollkommen weiß ist.

Mein Vater sorgt in diesem Palast für Ordnung. Tatü. Wände weiß, Säulen weiß, Freitreppe weiß, die Sonne blendet vom Haus her, als sei das Haus selber die Sonne, nur die Bäume zur Rechten und zur Linken des Hauses sind dunkel, und niemals bewegt ein Wind ihre Blätter. Ich frage mich, ob die Fenster nur aufgemalt sind, weil der Palast immer so still dasteht, drinnen herrscht Ordnung, sagt meine Mutter, mein Vater sorgt für die Ordnung, und weil ich hinter den Fenstern nie jemanden sehe. Ob das Haus in Wahrheit vermauert ist, und ebendeshalb außen so strahlt, weil das Sonnenlicht nicht hineinfallen und drinnen verlorengehen kann. Tatü. So wie meine Mutter für mich sorgt.

Die Ausgangslage dieser Interpretation sind die Motive, welche ich in dieser Passage herausgelesen habe. Wörterbuch wurde in der Ich-Perspektive verfasst, wobei man anfänglich nur raten konnte, ob es sich bei der erzählenden Stimme um ein Kind handelt und welches Geschlecht es hat. Im Verlaufe der Geschichte stellt sich dann heraus, dass ein Mädchen spricht – genauer: eine Frau, rückblickend, von sich als Mädchen. Es lebt irgendwo in Südamerika unter einer Diktatur. Viel später, als ihr Vater ins Gefängnis muss, wird sie erfahren, dass sie adoptiert wurde, nachdem ihre beiden leiblichen Eltern zu Tode gefoltert wurden, unter der Regie des Ziehvaters.

In der Passage spricht die Erzählerin mit ihrem Vater. Ich schreibe bewusst Vater, quasi in der Perspektive des Kindes, das überzeugt ist, dass er ihr Vater ist. Ihr Interesse betrifft nicht die „Eltern“-Echtheit, sondern die Wörter, aus denen sich ihre Welt seit der Kindheit zusammensetzt. Das Thema des Gesprächs ist anfänglich eine von einem Vogel hinterlassene Spur. Im Verlaufe des Dialogs fragt das Mädchen was eine Spur sei, woraufhin ihr Vater eine für eine vermeintlich junge Person schwer verständliche Antwort gibt. Der Vater erweckt den Eindruck, als wolle er die Fragen nicht beantworten und reagiert aus diesem Grund mit ausweichenden oder kryptischen Antworten:

«Etwas, das nicht zufällig sein kann». Mit dieser Antwort verhindert er, dass das Kind sich mehr Gedanken und Theorien machen und bilden kann. Der Vater möchte nicht, dass das Kind Gebrauch von seinem eigenen Verstand macht und es eine eigene Identität entwickelt. 

Unzufrieden mit der erhaltenen Antwort hakt sie weiter nach und fragt den Vater, was mit der doppelten Zeit sei. Im Text erklärt das Mädchen, auf Nachfrage des Vaters, was die doppelte Zeit bedeutet. «Die Zeit, in der der Vogel gegangen ist und die zweite Zeit, in der wir davon erfahren, dazwischen ist die Spur so eine Art Brücke». Beim Close-Reading dieses Abschnitts, erinnerte mich diese doppelte Zeit an «Schrödingers Katze». Schrödingers Katze ist ein Gedankenexperiment aus den 1930ern. In diesem wird eine Katze in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit einem radioaktiven Präparat, einem Geigerzähler und einem Hammer, der bei einem Zerfall eines Atoms eine mit Blausäure gefüllte Flasche zerstört. Innert einer Stunde ist es möglich, dass eines dieser Atome zerfällt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Katze nach einer Stunde tot ist, liegt bei 50%. Solange die Kiste nicht geöffnet wurde, befindet sich die Katze in einem überlagerten Zustand. Sie ist zu 50% lebendig und zu 50% tot. In Bezug auf das Buch und den Abschnitt über die doppelte Zeit dachte ich mir, gleich wie beim Gedankenexperiment weiss man nicht genau, was zwischen dem Zeitpunkt, als der Vogel die Spur setzte, und demjenigen, als die Spur entdeckt wurde, passiert ist. Des Weiteren hat der Vater gegen Ende der Passage mit einem Stöckchen neben dem sternförmigen Abdruck des Vogels einen weiteren Abdruck in den Boden gekratzt. Diese Aktion interpretiere ich als falsche Spursetzung, was sich durch die abwimmelnden Antworten bekräftigt. Überdies ist das nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass er ihr eine fremde Logik aufzwingt und verhindern will, dass sie ihren eigenen Weg geht. Das wird so weit, gehen, dass sie, auch als sie die Möglichkeit hat frei zu sein, dennoch zu ihren Stiefeltern zurückkehren wird.

Sie fährt nach dieser Episode auch wieder fort, «wie gewohnt» zu reden und Wörter zu gebrauchen, ohne zu hinterfragen, ob die Bedeutung wahr oder eine Lüge ist. Für sie scheint es so zu sein, als ob die Sprache in ihrer Umgebung eben beides zugleich sein kann und dass die Sprache eben auf diese Weise zu funktionieren scheint. Sie hat dafür ein Bewusstsein entwickelt, aber sie hinterfragt dies nicht, da sie zu sehr manipuliert wird. Darum wurde die Erzählung auch am Ende in die Dritte Person versetzt. So kann man ohne, dass man es ausspricht sagen, dass die Protagonistin sich selbst entfremdet hat.

Sich fügen ist ein oft vorkommendes Phänomen, wenn man keinen Ausweg aus einer autoritären Herrschaft findet. 

“Wörterbuch” erzählt demnach die Geschichte einer jungen Frau, die scheinbar in ihrem kindlichen Entwicklungsstadium stecken geblieben ist. In ihrer Kindheit hat sie Schlimmes erlebt. Sie versucht diese Erinnerungen und das Leid zu verarbeiten. Wie vorhin erwähnt versucht der Vater, das Kind davon abzubringen, eine eigene Identität zu entwickeln und die Welt so zu erkunden, wie das Kinder normalerweise machen. Die einzelnen Abschnitte in dem Buch sind wie kleine Episoden, in denen man erfahren kann, wie das Mädchen noch kläglich versucht hatte, aus den Griffen ihres Vaters zu gelangen. Wenn ich mir vorstelle, wie es innerlich in ihr aussieht, dann erscheint vor mir ein Bild von einer vernarbten Oberfläche. Die Narben verkörpern jede ihrer Erinnerungen, die mit den schweren Zeiten von früher verknüpft sind. Die Frau versucht erfolglos diese Narben los zu werden. Sie sind einfach zu tief. Grund dafür tragen auch ihre Eltern, vor allem ihr Vater. Diese haben sie psychisch zerstört. Für sie sind Worte nur noch leere Hüllen, in der die Bedeutung fehlt. Sie weiss nicht mehr was gelogen und was wahr ist. Ihr Kopf scheint unstrukturiert zu sein. Die Wörter fliegen frei von ihren Bedeutungen in ihrem Kopf herum. Demnach hält der Titel “Wörterbuch” das Versprechen nicht, das normalerweise mit einem verbunden ist: Ein Wörterbuch soll ein Nachschlagewerk sein, in dem jedes Wort strukturiert und in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet ist. Hier aber bleibt die Sinnfindung in der Leere stehen.

Kevin Akgül, die verlorene Seele

Sie hat Fieber, sagt mein Vater und legt seine schwere Hand auf meine Stirn. Ich liege da und versuche, das Muster zu verstehen, das auf die Tapete gedruckt ist. aber ich verstehe es nicht, Monde, Tore, irgend etwas, das an den Ecken nicht ineinandergreift, sondern offen geblieben ist, was ich sehe, ergibt keinen Sinn. Ich schließe die Augen. Der Schlaf wird ihr guttun, sagt meine Mutter. Mein Zimmer ist schattig, weil die Jalousien heruntergelassen sind, aber wäre das Fenster geöffnet, könnte ich, wenn ich die Augen aufmache, von meinem Bett aus die brennenden Berge sehen. Durch mein Fenster wie durch eine Lupe den rot und blau schimmernden riesigen Fels, das unbewegliche Tier am Horizont, das seit Jahrhunderten seinen Durst nicht gelöscht hat, und auf dem deshalb nicht einmal Moos wächst. Oder sind meine Augenlider selbst schwere Vorhänge geworden, die mir den Blick auf das steingewordene Feuer verwehren. Nein nein. Einmal quer durch die Stadt gehen und dann durch den Rand der Stadt, der früher Wüste war, und dann durch die Wüste, bis hin zu den Bergen. Oder ist Nacht. Sie ist heiß, sagt meine Mutter. Nachts brennen die Berge doch nicht. Vorsicht heiß. Nur zwischen vierzehn und neunzehn Uhr. Wenns mit der Sonne bergab geht. Einen Stuhl könnte ich anschauen, einen Tisch, eine Tür. Aber das Gebirge paßt nicht in meinen Blick, es brüllt, es sprengt mir die Augen. Ob sie Schmerzen hat, fragt meine Mutter meinen Vater. Jetzt verbeißt sich das Tier mit seinen Zähnen aus Stein in meinem Haar und reißt es mir aus, daß dich nicht einmal deine eigene Mutter wiedererkennt, die Augenhöhlen geleert den Schädel haarlos schön kühl, so sehe ich endlich das Feuertier aus der Nähe. Ich glaube nicht, sagt mein Vater. Blind sehe ich endlich: Aussaufen will mich das Tier. Rufst du den Arzt an, sagt meine Mutter zu meinem Vater. Sie legt ein kühles Tuch auf die Lippen. Was meinst du, wie lange lag die Difunta Correa in der Wüste, bevor man sie fand. Ich weiß nicht, sagt meine Amme. Stunden. Oder Tage. Nachts wird es doch kalt in der Wüste. Ja, sagt sie. Rosafarbenes Mädchenzimmer. Haus. Zu Hause.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt. In einem inneren Monolog erzählt sie, die Namenlose, ihre Geschichte. Das Kind, das hier noch ein Mädchen ist, hat in diesem Abschnitt starkes Fieber. Es scheint zu fantasieren, doch mit Blick auf den ganzen Roman wird klar, dass es sich dabei nicht um einen einmaligen Fiebertraum handelt, sondern dass sich hier das zerrissene Innenleben der Ich-Erzählerin zeigt und die fiebertraumartige Sprache ein Problem unterstreicht, welches das Mädchen ständig mit und in der Sprache hat.

Das Kind liegt auf dem Bett in ihrem Zimmer und hat Schmerzen. Bei ihr sind ihre Mutter und ihr Vater, welche sich um sie sorgen und welche durch ihre Unterhaltung die Gedankengänge des Kindes unterbrechen.

Sie vergleicht ihr innerliches Verbrennen vom Fieber, mit den heissen Bergen, welche sie von ihrem Fenster aus sehen würde. Die brennenden Berge, oder wie sie es nennt das unbewegliche Tier am Horizont hat seit Jahrhunderten seinen Durst nicht gelöscht, weshalb auch keine Pflanzen auf ihm wachsen und nun wäre es zu ihr gekommen und möchte sie aussaugen. Die Sonne ist ein oft wiederkehrendes Motiv. Das Kind lebt in einem südlichen Land, in dem beinahe immer die Sonne scheint.

Die Difunta Correa ist in diesem Buch ein immer wiederkehrendes Geschichtsfragment. Dabei handelt es sich um eine Legende, welche die Amme ihr erzählte. Die Legende besagt, dass eine Frau namens Difunta Correa einst auf der Suche nach ihrem Mann die Wüste Argentiniens mit ihrem Kind durchquerte. Doch sie überlebte es nicht, sondern verdurstete. Doch wie durch ein Wunder überlebte das Kind, welches saugend an der Brust lag.

Es scheint, als sähe das Kind in der Amme ihre Difunta Correa. Man merkt schnell, dass die Amme eine sehr bedeutende Rolle für das Kind spielt. Sie bekam nicht durch ihre Mutter Milch, sondern durch ihre Amme und das sogar ungewöhnlich lange. Die Amme wurde zu einer Art Bezugsperson für das Kind und sie wollte sie nicht gehen lassen.

Auch in diesem Abschnitt sieht man, dass manche Sätze aus nur einem Wort bestehen. Jedoch gibt es wieder andere, welche ganze Seiten füllen.

Am Anfang der Geschichte geht es um Wörter. Wörter, welche man als Kind unbeeinflusst lernt. Ein Haus ist einfach ein Haus. Doch die eigentlich harmlosen Wörter, wie Mutter oder Vater, welche eigentlich Geborgenheit assoziieren, werden plötzlich zu etwas Unheilvollem. Das Hoppe-Hoppe-Reiter, welches es mit ihrem Vater spielt, zeigt ganz unmittelbar seinen Sumpf, von welchem es sich gerade noch befreien kann.

Die harmlosen Kindheitsbegebenheiten, wie dass sie auch in die Schule geht, wird von irritierenden Kindheitsbegebenheiten überschattet, wie dass es in dieser Schule seltsame Rituale gibt. Oft fehlen Information, welche man bräuchte, um den Text komplett zu verstehen. Dadurch stellt man als Leser eigene Hypothesen auf. Das meiste wird nicht ausgesprochen, sondern nur angedeutet. Die Geschichte ist nicht in Kapitel eingeteilt, sondern in kurze Abschnitte. Es scheint daher, als gäbe es keine richtige Handlungsstruktur, welche ein Ganzes ergibt, sondern eher ein Mosaik, welches man erst mit dem Ende der Geschichte vervollständigen kann. Das Geschehene wird in einer kindlichen Wahrnehmung gezeigt und so auch überdimensioniert durch groteske Wesen, wie in meinem Abschnitt das unbewegliche Tier am Horizont, welches gekommen ist, um das Kind auszusaufen. Das Kind versucht an anderen Stellen Bedrohliches durch schöne Wörter zu verharmlosen, was ihr Verstand ihr jedoch nicht recht gewährt. Dadurch wirkt das Innenleben des Kindes zerrissen.

Jael Kühne, Haarausreissende Bergmonster

Dass das Kind überlebt hat, ist doch ein Wunder, sage ich zu meiner Amme. Wir sind zur Markthalle unterwegs, den Korb darf ich tragen. Außer uns ist niemand zu sehen. Ja sicher, sagt meine Amme. Wir gehen auf der Seite der Straße, die im Schatten der Häuser liegt. Hätte die Mutter auch überlebt, wäre das kein Wunder gewesen. Nein, sagt die Amme, wahrscheinlich nicht. Dann wäre das einfach nur ein schwerer Weg gewesen. Wahrscheinlich, sagt meine Amme. Wir haben den Bürgersteig ganz für uns allein, Block um Block. Sie wären einfach nur irgendwann angekommen. Ja, sagt die Amme. […] Wir biegen links um die Ecke und sind jetzt mitten unter der Sonne. Die Luft ist flüssig vor Hitze Eine alte Frau kommt uns entgegen, sie hält unzählige leere Plastetüten, weiß, rosa, orange, in ihren Händen, die bauschen sich in einem Wind, den ich nicht spüre, und rascheln, die ganze Frau ist aufgebauscht und raschelt, während die geht, und ich erwarte, dass sie, noch bevor sie uns erreicht hat, mit ihren billigen Flügeln schlägt und auffliegt. Aber sie streift uns nur im Vorübergehen mit all dem Leeren, das sie in ihren Händen hält, und lacht mich an, wendet sich sogar noch zu mir um, um mir die Möglichkeit zu geben, sie länger anzusehen. […]

In der von mir zu untersuchenden Episode sind die Amme und das Mädchen wieder einmal unterwegs und sie wird schon wieder ausgefragt über die Difunta. Obwohl das Mädchen schon so viel Leid erlebt hat, hat sie das Kindliche und Neugierige nicht verloren. Immer wieder will sie wissen, ob die Difunta nur heilig geworden ist, weil ihr Kind an ihrer nährenden Brust hing. Es verbindet viel mit der weiblichen Brust. Geborgenheit und Sicherheit, die es von ihrer Mutter so nicht bekommen hatte, als sie das brauchte. Das Mädchen schreibt: Wir haben den Bürgerstein ganz für uns alleine. Um 1980, in der Zeit, in der das Buch spielt, herrschte General Videla über das Gebiet. In dieser Zeit verschwanden viele Bürger spurlos. Das ist der Grund, warum kaum noch ein Mensch auf die Strasse geht und wenn, dann nur um die täglichen Pflichten zu erfüllen. Am Ende des Abschnittes steht: Wenige Meter, dann treten wir seitwärts aus der Hitze in den geschwätzigen Schatten der Halle, da sind dicht an dicht Menschen. Es dreht sich viel um Gegensätze wie Schatten- Sonne oder menschenleer- voller Menschen. Mit diesen Passagen will Jenny Erpenbeck zeigen, in was für abstrusen Verhältnissen die Geschichte spielt. Die «geschwätzige Markthalle» weist darauf hin, dass sich dort die Leute treffen. Es ist für sie ein sicherer Ort. Man kann in Ruhe einkaufen, ohne dass man um sein Leben fürchten muss. Die schattige und kühlere Markthalle wird als save space gesehen. Es ist ein Ort, wo man sich aufhalten kann, während die heisse, von der prallen Sonne beschienene Strasse als ein Ort beschrieben wird, an dem es schon fast unmenschlich ist, sich aufzuhalten.

Die einzige Person, die ihnen auf dem Weg begegnete, trug viele rosa, orange und weisse Plastiksäcke mit sich rum. Ohne Inhalt, nur die Säcke. Sie bauschten sich im kaum spürbaren Wind auf. Das Mädchen sieht in ihr eine engelsähnliche Gestalt, die, wie sie schreibt, mit ihren billigen Flügeln davonfliegen könnte. Rosa orange und weiss sind drei helle Farben und stehen für unterschiedliche Dinge, welche hier im Kontext gut zusammenpassen. Weiss steht für Reinheit und Unschuld. Orange für Optimismus und Lebensfreude und rosa für Idealismus und Ordnung. Alles was das Mädchen in dieser vorbeigehenden Frau sieht.

Sie lacht das Mädchen an, und auch mit leeren Taschen ist sie glücklich. Hier kann man den Vergleich machen zwischen dem Mädchen, welches ein Leben ohne Geldsorgen hat, aber todunglücklich ist und sich selbst nicht akzeptiert, und dieser Frau, die nur mit ein paar Plastiktüten in der Hand durch ihr Leben zieht, aber so glücklich ist und im Reinen mit sich selbst.

Julia Saladin, Plastiktüte im Hitzewirbel, Teil 2

Zum Verwechseln die Zimmer, alle wie eins, der Ton macht die Musik, bei der Aufnahmeprüfung für diese Schule hatte ein rothaariges Mädchen ein Lied gesungen, das ich nicht kannte, die Auswahl war frei, jeder durfte singen, wonach ihm zumute war, und das Lied, nach dem dem Mädchen zumute war, hatte dazu geführt, dass das Mädchen des Raumes verwiesen wurde. Ich hatte das Lied von der Heimat gesungen, meines und meines Vaters Lied. Diese Schule ist ein Geschenk, hatte die Prüferin bei meiner Zulassung gesagt, von wem, hatte ich fragen wollen, war aber nicht dazu gekommen, es gibt hier einige Schüler, hatte die Prüferin weiter gesagt, die undankbar sind, die nicht verstanden haben, dass man Verantwortung hat für etwas, das einem geschenkt wird. Aber es ist auch so, wollte ich später sagen, als ich das schiefstehende Mobiliar und die gelbwollenen Vorhänge schon kannte und den Geruch nach sauer gewordener Milch: Niemand ist hier zu Hause und nachts ist die Schule allein da. […]

Das Ziel des Staates, dass alle gleich sind, wird meiner Meinung nach auch mit der Schulordnung stark gefördert und gelenkt. Zum Beispiel der Einmarsch der Fahnendelegation auf dem Schulgelände. Alle Blicke der Kinder mussten den drei Fahnenträgern gewidmet sein, die rechte Hand grüssend ans Käppchen haltend. Von diesem Moment an ist ein Herumschauen nicht mehr erlaubt. Alle Blicke müssen auf ein Ziel gerichtet sein. «Ich blicke auf die Fahne, und frage mich, ob diejenigen Lehrer, die vorgeschrieben haben, wohin wir schauen, unsere Blicke quergestellt in der Luft sehen konnten, auf die drei mit der Fahne wie lauter Lanzen.» Alles Plötzliche, alle schnellen Bewegungen, auch das Rennen, Schlenkern, Schieben und alles was schief ist, ist nicht erlaubt. All dies wird von den Kindern abgeschnitten. Das normale kindliche Verhalten wird somit unterbunden. Das bedeutet, sie sollen sich von klein auf dem Staat unterordnen und gehorchen, auch wenn es sie viel Überwindung kostet. Ihr Blick, ihre Blickrichtung wird vorgegeben. Immer Richtung Fahne. Das «Endziel» der Erziehung ist Gehorsam gegenüber dem Staat. An das Gefühl ständiger Beobachtung, in diesem Fall durch die Lehrer, werden sie früh gewöhnt. Ein Schauen nach links, rechts oder nach hinten ist nicht erlaubt und wird stets kontrolliert. Was in ihrem Rücken geschieht, soll sie nicht interessieren. «Was falsch ist, überlebt nicht. Das Kranke stirbt ab, sagt er, so wie in der Natur. Uns aber gehört die Zukunft, sagt mein Vater. Und die Zukunft sind unsere Kinder».

Andrin Schmutz, Blick auf die Fahne

Und dann kommt der Abend, an dem ich allein gelassen werde, ich will zu den Nachbarn, finde aber den Weg nicht…

im Treppenhaus stehe ich plötzlich am Fuß einer Auffahrt aus Beton, die nirgendwohin führt. Ich warte. War das ein Traum, frage ich meine Eltern. Natürlich, sagen sie, oder glaubst du, wir ließen dich jemals allein. Und was für Beton soll das gewesen sein, fragt meine Mutter, was für ein Treppenhaus überhaupt. Ich weiß es auch nicht genau, sage ich, es war jedenfalls eine Auffahrt aus Beton, ich stand unten, une es war Nacht. Und was für Nachbarn. Ich weiß nicht, sage ich. Aber im Treppenhaus roch es nach Fisch. Wann hast du denn das geträumt, fragt mein Vater. Das ist schon lange her, sage ich. Na, siehst du, gibt er zur Antwort, wenn man ein Kind ist, kann man noch nicht unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit ist. Er nimmt mich in den Arm, meine Mutter lacht und geht in die Küche. Meine Eltern haben viel Platz. Bei mir ist es anders. Der Kopf, den ich bewohne, war schon immer von fremdem Träumen möbliert, kommt mir vor. Da falle ich von Zeit zu Zeit hin oder laufe gegen irgendwas oder klemme mich ein. Vater und Mutter.

In der Textpassage auf der Seite 46 geht es darum, dass das Mädchen davon träumt, allein gelassen worden zu sein und deswegen zu den Nachbarn wollte, aber den Weg nicht finden konnte. Daraufhin befand sie sich plötzlich im Treppenhaus vor einer Auffahrt aus Beton, die nirgendwo hinführte. Es kommt zu einem Szenenwechsel. Sie fragt ihre Eltern, ob das ein Traum gewesen sei. Die Eltern bejahen, dass es ein Traum war und weisen sie daraufhin, dass sie das Mädchen niemals allein lassen würden. Das ist einer dieser häufigen Sätze mit dunklem Hintersinn, den man jedoch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit herauslesen kann. Die Eltern sagen, dass sie sie niemals alleine lassen, damit sie immer ein Blick auf sie haben – genauso wie die Sonne auf das ganze Land. Die Mutter fragt, von welchem Treppenhaus und von welcher Auffahrt sie geträumt hat. Das Mädchen sagt, dass sie sich nicht sicher sei und fügt hinzu, dass es nach Fisch roch. Der Vater fragt, wann sie das denn geträumt habe und sie antwortet, das sei schon lange her.

Kinder können Träume und Wirklichkeit nicht unterscheiden, gibt der Vater mit einem Hauch von Erleichterung zur Antwort, nimmt sie dann anschliessend in den Arm und ihre Mutter geht lachend in die Küche.

Das Mädchen weist darauf hin, dass ihr Kopf schon immer von Fremden möbliert wurde.

In diesem Textausschnitt zeigen sich einige Motive, die eine wichtige Rolle spielen: Da gibt es die Auffahrt aus Beton, aber auch den von fremden Träumen möblierten Kopf des Mädchens. Der Kopf kommt auch in anderen Zusammenhängen immer wieder vor, auch an früherer Stelle ganz surreal, abgetrennt als Ball, mit dem andere spielen. Nun aber zur zentralen Traumstelle im Textausschnitt: Das Mädchen fühlt sich allein gelassen und will zu den Nachbarn, kann aber den Weg nicht finden. Als sie vor der Auffahrt aus Beton steht, führt diese bekanntlich nirgendwo hin. Beton ist hart, schwer und kaum zu durchbrechen. Zudem führt die Auffahrt nirgendwo hin, deshalb besteht auch keine Möglichkeit, den Weg zu den «Nachbarn» zu finden. Das ist vielleicht ein Zeichen für die Lücken in der Erinnerung. Allerdings kommt der Fischgeruch im Treppenhaus dazu. Das ist vielleicht ein Geruch, an den sie sich erinnert.

Die Eltern befürchten, dass etwas hinter diesem Traum steckt, aber das Ganze wird vom Vater verharmlost, indem er vorschützt, dass Kinder nicht zwischen Wirklichkeit und Traum unterscheiden können. Daraufhin schreibt sie, dass ihr Kopf von fremden Träumen möbliert ist. Der möblierte Kopf ist eine komplexe Metapher dafür, dass ihr eine falsche Wahrheit in den Kopf gesetzt wurde und auch von den anderen bestimmt wird, wie sie sich zu benehmen hat.Die Möbel bewegen sich nach dem Einrichten nicht mehr, so wie ihre Gedanken festgenagelt sind und sich nicht gänzlich losreissen können. Sie muss sich so benehmen, wie es ihr erlaubt wurde.Nun gibt es aber im Klavierzimmer nicht viel ausser einem Klavier und einen Sessel. Dieses Zimmer ist nicht wirklich möbliert und ist wahrscheinlich ein Raum, in dem sie sich freier bewegen kann und nicht ein Zimmer, in dem alles schon voll ist. Sie kann freier denken. Freier denken und Meinungsfreiheit ist in ihrem Land, welches gerade eine Diktatur durchlebt, nicht erlaubt. Die möblierten Räume wie z. B das Zimmer des Vaters sind meist geschlossen und das Mädchen bekommt selten etwas mit. Dabei kommt die Frage auf, ob sie sich überhaupt daheim fühlt. Verschlossene Türen oder undurchdringliche Wände kommen oft in diesem Roman vor, so etwa der Arbeitsort des Vaters. Das Gebäudeweiss dort zeigt nur eine Fassade, hinter welcher versteckte Dinge vor sich gehen. Das erklärt auch das plötzliche Verschwinden einiger Menschen. Im Roman Wörterbuch kommen einige fragmentarische Episoden vor, etwa die schwarzen Engel, die vom Himmel herabfallen. Schwarzer Engel ist eine Art Codewort der Bevölkerung, damit Zeugen aus dieser Bevölkerung sich durch genaueres Beschreiben dieser unnatürlichen Himmelsereignisse nicht selbst gefährden. Das Mädchen erwähnt aber immer wieder, dass sich ihr Vater mit den Strömungen gut auskennt. Sie weiss nicht, dass sie damit dem grausamen Hintergrund der schwarzen Engel auf der Spur ist.Der Vater kennt sich gut mit Meeresströmungen aus. Das sind «Clichésätze» über die Qualitäten eines Menschen. Diese werden von ihr immer und immer wieder verwendet, wohl weil daran irgendetwas nicht stimmt, hinter dem eigentlichen Wortsinn. Es ist eine Mischung: Der Vater kennt sich mit etwas aus, und das wirkt positiv und verharmlosend,

dabei wird das Schreckliche im Hintergrund versteckt. Was das Mädchen noch nicht zu deuten weiss: Dadurch, dass der Vater sich mit den Strömungen auskennt, können die «schwarzen Engel» nicht an Land gespült und damit auch keine Beweise gesammelt werden. Menschen, Andersdenkende verschwinden auf mysteriöse Art und Weise. In der Familie wird erzählt, dass der Onkel des Mädchens von einem Auto getroffen, die Tante hingegen, die neben ihm stand, nicht getroffen worden sei. Das weist darauf hin, dass der Onkel entweder aus der Diktatur fliehen wollte oder etwas wusste, dass er nicht hätte wissen sollen. Es war kein Unfall. Das Mädchen versucht das Ganze wieder zu verharmlosen. Er wurde sehr wahrscheinlich auf der Strasse getötet. Das erklärt auch, wieso keiner zur «Beerdigung» wollte. Die Kinder in der Schule erzählen immer wieder, dass ihre Eltern irgendwo hinfliegen.Das ist wieder eine Verharmlosung, denn die wegfliegenden Eltern sind entweder vermisst oder sie fliegen, um später als «schwarze Engel» zurück zur Erde zukommen. Gegen Ende des Romans feiert das Mädchen Geburtstagsparty mit den Menschen, die sie schon einmal im Leben gesehen hat. Die Menschen tanzen durch den Leib der händelosen Marie.Unten ist nichts zu hören vom Tanzen der Gäste. Das liegt daran, dass diese Gäste nicht wirklich da sind, sondern das Mädchen sich das Ganze nur vorstellt.Die Gäste sind sehr wahrscheinlich bereits «entfernt» worden. Der Vater kommt nicht nach oben, um mit ihr zu feiern. Er bleibt hinter seiner «verschlossenen Türe». Das Mädchen redet von einem Rauschen von Wasser, in dem sehr viele Fische sind, deren Leiber so dicht aneinander treiben, dass das Wasser brodelt und aufwallt und ganz braun ist von dem Schlamm. Das Wasser macht Geräusche, welche noch niemals gehört wurden. Das Mädchen äussert all dies wieder in der für sie typischen «Doppelrede», die sie selbst nicht deutet. Ein wenig erinnert die bildliche Art, wie sie spricht, an griechische Orakelsprüche. Die Fische sollen Leichen darstellen, die «entdeckt wurden», das aufwirbelnde Geräusch, welches davor nie gehört wurde, eine Art Machtumstellung, Revolution im Staat veranschaulichen. Durch diese Umstellung ist der Vater gezwungen zu flüchten…

Huner Teimouri, Betonrampen und kein Licht, 1. Teil

Bei einem Halt auf der Rückfahrt steigt vorn eine Frau ein, hinter ihr kommen zwei Männer. Als sei es ein Tanz, überholen die beiden Männer sie rechts und links, auf der Mitte des Ganges, der Bus steht mit laufendem Motor und wartet, die Frau sieht die Männer und will sofort umkehren, zur vorderen Tür wieder hinaus, da packen die Männer die Frau bei den Haaren, die Frau fängt an zu schreien, die Männer ziehen die Frau an den Haaren nach hinten, und als die Schreiende jetzt hinfällt und versucht, sich mit den Händen irgendwo festzuhalten, und schließlich doch in sich verdreht an uns vorbeigezogen wird, beginnt meine Amme zu rufen: Nicht bei den Haaren! Nur nicht bei den Haaren! Aber die Männer scheinen nicht zu hören, was meine Amme ruft, und dann sehe ich, wie die Frau, die den Männern nicht folgen will und deshalb ihre Füße nicht mehr bewegt, jedoch unlösbar mit den Haaren verbunden ist, bei einer der hinteren Türen aus dem Bus fällt, den Männern entgegen, die schon vor ihr ausgestiegen sind, und sie nun zu sich ziehen, dann erst klingelt die Klingel, die wie üblich das Zeichen zur Weiterfahrt gibt, um eventuell spät Ein- oder Aussteigende vor den sich schließenden Türen zu warnen, die Klingel vermischt sich mit den Schreien der Frau, die erst leiser und schließlich unhörbar werden, als der Bus seine Türen zumacht und die Fahrt wieder aufnimmt.

«Nicht bei den Haaren! Nur nicht bei den Haaren!» Die Haare einer Frau sind ein Symbol für die intellektuelle Freiheit und die Emanzipation. Der Frau wird hier die Freiheit «entzogen». Nach dem Vorfall merkt das Mädchen plötzlich, dass ihre Nase blutet. So wird von dem Vorfall erzählen. Der Vater wird bald dafür sorgen, dass auch die Amme aus dem Verkehr gezogen wird.

«Meinst du, dass es ihr jetzt wieder gutgeht?» Der Vater antwortet darauf mit:

«Sicher», obwohl er ganz genau weiss, was mit der Frau passieren ist. Die arme Frau wurde bestimmt von den zwei Männern gequält und gefoltert. Die Eltern des Mädchens sind nicht die Einzigen, die davon etwas wissen, sondern die Amme weiss auch Bescheid. Das ist auch der Grund, warum sie die Amme gefeuert haben. Sie hatten Angst davor, dass die Amme deren dunkles Geheimnis dem Mädchen erzählt.

Der Titel des Buches lautet Wörterbuch. Das Mädchen und der Vater sitzen auf dem Teppich und sortieren die Buchstaben, die das Mädchen ausgeschnitten hat, nach Wörtern. Für was benötigt man ein Wörterbuch? Wenn man nachschauen will, wie ein Wort geschrieben wird oder was der Artikel eines Nomens ist, aber ein Wörterbuch ist auch dann nützlich, wenn man die Bedeutung eines Wortes suchen will, also für den Verständnis. Das Gleiche geschieht in dieser Textstelle. Das Mädchen sucht bei ihrem Vater nach Bedeutungen für den Vorfall mit der Frau.

Anisha Veluppillai, Nicht bei den Haaren

Mein Großvater ist ein Geschäftsmann. In der Stadt, in der mein Vater ein Kind war, habe ich niemals jemanden gesehen, der nicht zurückgegrüßt hätte, wenn mein Großvater Guten Tag gewünscht hat. Er handle mit Grundstücken, sagt mein Vater, und es gebe beinahe kein Haus und kein Stück Land hier, das nicht irgendwann einmal durch seine Hände gegangen wäre. Kein Wunder, denke ich, wenn mein Großvater mit diesen Händen, mit denen er Tag für Tag Häuser und Ländereien festhält und loslässt, aus Versehen einmal ein Mädchenohr abreißen würde. Weißt du eigentlich, sagt die Mutter meines Vaters mit ihrem gelockten Stimmchen zu mir, ich decke gerade den Tisch, sie liest Zeitung, weißt du eigentlich, sagt sie und schaut über die Zeitung, so dass sie mich beobachten kann, wie gut du es bei deinen Eltern hast. Ja, sage ich. Solche Eltern kann man sich suchen, sagt sie, und wartet, was ich darauf sage. Ich sage: Ich weiß. […, dann] höre ich, wie meine Großmutter mit ihrem geringelten Stimmchen drinnen gerade zu meinem Großvater sagt: Sie hat von Natur aus etwas Verwöhntes, da richtet man mit Erziehung nichts aus. Und wie mein Großvater ihr zur Antwort gibt: Kann schon sein. […]

Das Mädchen hat sehr grossen Respekt vor den Grosseltern, vor allem vor ihrem Grossvater. Sie ist sehr beeindruckt von ihm, weil er einmal ein grosser Immobilienhändler war. In diesem Abschnitt hört das Mädchen zufällig, dass ihre Grosseltern hinter ihrem Rücken schlecht über sie reden. Sie hört, wie die Grosseltern ihre verwöhnte Art kritisieren. Dem Leser wird schnell klar, dass das nicht ihre echten Grosseltern sein können, da diese höchstwahrscheinlich mehr Liebe und Verständnis für die Art des Mädchens hätten, wenn es ihre leibliche Enkelin gewesen wäre.Es gibt im Buch immer wieder Anzeichen, welche verdeutlichen, dass sie in einer anderen Familie geboren wurde. Das Gespräch der Grosseltern kann das Mädchen aber noch überhaupt nicht zuordnen und ist sehr verwirrt. Sie hat zudem Angst vor ihrem Grossvater, da er sie ihrer Meinung nach so fest umarmt, dass er ihr die Ohren ausreissen könnte. Das zeigt, dass sie ihren Grossvater als einen sehr starken Mann ansieht.

Aber wer ist dieses Mädchen, dessen Name bis am Schluss des Romans «Wörterbuch» unbekannt bleibt? Ihre Ich-Perspektive beschreibt ihre Eindrücke und spielt in ihrer Kindheit und Jugend. Sie beschreibt ihr Leben bei ihrer Familie, die sie bis kurz vor Schluss als ihre echte Familie ansieht. Erst am Schluss stellt sich heraus, dass ihre wahren Eltern gefoltert und getötet wurden, als sie noch ein Baby war. Sie wohnt mit ihren Eltern in einem grossen Haus. Das genaue Land, in dem sie leben, wird nie genannt, jedoch ist es durch mehrere Hinweise, wie zum Beispiel den auf die Difunta Correa wahrscheinlich, dass es sich um Argentinien handelt. Es wird schnell klar, dass ihre Eltern eher reich sind. Zum einen hat die Familie eine Aufwartefrau, die sich um den Haushalt kümmert, zum anderen eine Amme, die im Leben des Mädchens eine grosse Rolle spielt. Am meisten unternimmt das Mädchen mit der Amme, die sich beinahe rund um die Uhr um sie kümmert und wie eine Mutter für sie ist. Das ganze Buch ist in Abschnitte gegliedert, welche immer einzelne Erlebnisse beschreiben. Es wird viel Spielraum für Interpretationen gelassen, da wenig genau erklärt wird. Sehr oft werden Eindrücke des Mädchens nur durch ein Wort ausgedrückt. Die Syntax ist allgemein sehr aussergewöhnlich. Einzelne Worträtsel bilden einen Satz, andernorts sind Sätze über eine Seite lang. Die «Einzelworträtsel» sind eher am Anfang des Textes zu finden, wobei auch am Schluss noch vereinzelt ein Satz aus nur einem Wort besteht.

Noël Zellweger, Rätselwort und Herkunft

Die Mutter des Mädchens hat bereits die Koffer gepackt.

Auf dem Weg werden sie von «Männern mit Taschenlampen» angehalten

aber der Vater schiebt sie, ein letztes Mal, mit dem Auto beiseite, um zu flüchten.

Das Mädchen und der Vater lassen das Auto im Wald stehen, um nicht entdeckt zu werden.

Die Männer wollen die Verantwortlichen für die Diktatur festnehmen.

Während sie mit ihrem Vater unterwegs ist, erzählt er ihr, wie man an Informationen kommt. Es ist eine sehr technische, kalte Beichte ohne Schuldzugeständnisse.

Darunter kommen einige Foltermethoden vor. Dadurch wird dem Mädchen bewusst, was ihr «Vater» in diesem scheintrügerischen weissen Gebäude gemacht hat. Sie verknüpft jedes Wort an ein Bild oder eine Szene.

Sie werden schliesslich eingeholt und der Vater wird festgenommen.
Trotz der Festnahme kann man nicht von einer neuen Freiheit des Mädchens sprechen. Diese Spuren, die hinterlassen wurden, haben sie verstört.

Ihr Wörterbuch wird nicht einfach umgepolt, sie vermisst auch diesen «Vater», obwohl sie nun die Offenbarung kennt, sie wird vor Gericht nicht viel aussprechen, das ihn belastet.

Huner Teimouri, Betonrampen und kein Licht, Schluss